Wiener Zeitung

Indiens Träne im Ozean

Illustration - Südasiatische Tänzer verkörpern in theatralischen Inszenierungen das Drama von Machtwahn und Schuldverstrickung, wie es in Sri Lanka auf der Tagesordnung steht.  Foto: Neumann

Südasiatische Tänzer verkörpern in theatralischen Inszenierungen das Drama von Machtwahn und Schuldverstrickung, wie es in Sri Lanka auf der Tagesordnung steht. Foto: Neumann

Illustration - Der Nordosten Sri Lankas ist vielfach zerstört, wie hier die Universität von Trincomalee.  Foto: Neumann

Der Nordosten Sri Lankas ist vielfach zerstört, wie hier die Universität von Trincomalee. Foto: Neumann

Illustration - Trauerritual zum Jahrestag eines Massakers, bei dem 1999 44 Dorfbewohner ermordet wurden.  Foto: Preitler

Trauerritual zum Jahrestag eines Massakers, bei dem 1999 44 Dorfbewohner ermordet wurden. Foto: Preitler

Von Gunther Neumann
Aufzählung Der Bürgerkrieg in Sri Lanka hat nur kurz nach dem Tsunami internationale Aufmerksamkeit erregt. Warum es Konflikte jenseits des Nahen Ostens in unserer Wahrnehmung schwer haben.
Ein Dorf im Nordosten, nahe der vagen Front zwischen Armee und Rebellen. Bedächtige Dickhäuter schnauben beim Baden am trägen Fluss. Eine junge Frau im roten Sari schwemmt Kleider, ungestüme Kinder treiben einen alten Reifen über die staubige Straße, in die untergehende Sonne. “Kupferstunde” nannte ein Rotkreuz-Delegierter diese kurzen Momente trügerischer Idylle im Krieg: Die Haut der Menschen leuchtet im milden Abendlicht, während hochbesoldete Vertreter internationaler Organisationen längst zurück in die Hauptstadt eilen, an den kühlenden Pool, rechtzeitig zum Dinner.

Ausgedörrte Soldaten räumen Sandsackstellungen am Dorfzugang, ziehen sich in festungsartig ausgebaute Garnisonen zurück. Die Nacht bricht mit Zirpen und Schnarren herein. Die Dörfer sind vogelfrei, ausgeliefert der Angst, dem Recht des jeweils Stärkeren: der Armee bei Tag, den “Tamilentigern” bei Nacht. Hinter jedem Tierschrei lauert ein Überfall, ein Blutbad, der Tod. Das Morgengrauen bringt keine Erlösung, nur Aufschub. Seit 24 Jahren herrscht Krieg auf der edelstein- oder tränenförmigen Insel von der knappen Größe Osterreichs.

Nach einem Waffenstillstand 2002 unter norwegischer Vermittlung und der Tsunami-Flut 2004 keimte kurz Friedenshoffnung auf. Dutzende Hilfsorganisationen unterstützten den Wiederaufbau, darunter einige österreichische Initiativen. Doch die Überschwemmungskatastrophe brachte keinen nationalen Schulterschluss. Verteilungskämpfe um Tsunamigelder mündeten in Gefechte. Flutüberlebende aus eben erst bezogenen Häusern sind wieder auf der Flucht, nun vor einer neuen Welle militärischer Gewalt.

130.000 Tote und Verschwundene hat der politische Terror im tropischen Paradies seit 1983 gefordert, davon 70.000 der Krieg zwischen Armee und Tamilenrebellen, Hunderttausende Verstümmelte, Traumatisierte, Waisen. Im Namen von Volk, Kultur, Religion: bekannte Muster. Doch wie lassen sich vergleichsweise undogmatische Religionen wie Buddhismus und Hinduismus politisch derart instrumentalisieren?

Der Konflikt ist nicht 25, sondern 2500 Jahre alt. Indogermanische Singhalesen, “Löwenmenschen”, kamen ab dem 6. Jh. v. Chr. aus Nordindien, Tamilen aus Südindien über die Meerenge nach “Lanka”, die Dämoneninsel aus dem Heldenepos “Ramayana”. Die spektakuläre Felsenfestung Sigiriya mit ihren schwebenden Wolkenmädchen, Felsenbuddhas, Tempeln, verwaschen von Monsunregen, sind Zeugen der Kultur und ihrer Lebendigkeit durch ständige Befruchtung. Weitläufige Ruinen an uralten Bewässerungskanälen erzählen unter flimmernder Hitze von blühenden Städten voll von Geist, Handel, Kämpfen und meditativer Besinnung.

Siam und die Khmer Kambodschas wurden vom Kulturland Ceylon buddhistisch missioniert. Seit der Antike kamen ägyptische Händler an die Gestade der Insel. Das Abendland hatte für die duftenden Schätze des Orients kaum mehr als Edelmetalle zu bieten.

Dem bei Dritte-Welt-Konflikten viel strapazierten Sündenbock Kolonialismus die Schuld am Krieg zu geben, greift in Ceylon zu kurz. Jahrhunderte wogte das Ringen, fand Vermischung statt. Die meist buddhistischen Singhalesen behielten die Oberhand und stellen heute gut zwei Drittel der 20 Millionen Ceylonesen. Ein Viertel sind hinduistische Tamilen, außer im Hochland vorwiegend im Norden und Osten beheimatet. Die restlichen zehn Prozent sind Muslime und Christen.

Nach Vasco da Gamas Seeweg um Afrika 1498 lösten einander europäische Gewürz- und Kolonialambitionen ab, zunächst jene der Portugiesen, dann die der Holländer. Erst die Briten eroberten im 19. Jahrhundert das letzte buddhistische Bergkönigreich von Kandy. Die Singhalesen waren aber wenig geneigt, Londons Weltmacht in der Administration und auf Plantagen zu dienen. Tamilen, so intelligent wie willig, stiegen auf und hielten bei der friedlichen Unabhängigkeit Anfang 1948, ein halbes Jahr nach den indischen “Mitternachtskindern”, 60 Prozent der Verwaltungsposten.

Ceylon war reicher als Indien, hat heute kaum Analphabeten und eine ungebrochene Tradition von moderner Demokratie – mit zu schwachen Minderheitenrechten. Die singhalesische Mehrheit steigerte sich chauvinistisch in eine Opferrolle, drängte Tamilen mit Quoten und Willkür aus Ämtern, von den Universitäten, in die Defensive. Ceylon wurde 1972 zu Sri Lanka, gesegnete Insel, Singhalesisch zur Staatssprache, der Buddhismus Staatsreligion. Die Tamilen begannen sich zu wehren, zunächst friedlich – und erfolglos. Dann trat eine neue Kraft auf den Plan: die “Befreiungstiger von Tamil Eelam” (LTTE). Bei einem Überfall 1983 wurde eine Handvoll Armeesoldaten getötet, ihre Leichen nach Colombo gebracht. Der lauernde Konflikt explodierte: Aufgestachelte Singhalesenmobs plünderten Tausende Geschäfte, fackelten Häuser ab. 3000 Tamilen kamen im “Schwarzen Juli” um, Zehntausende rannten um ihr Leben. Die LTTE forderte nun kompromisslos einen eigenen, ethnisch reinen Staat im Norden und Osten der Insel.

Wer fürchtet, umgebracht zu werden, flieht – wenn er kann. Hunderttausende Tamilen sind nach Indien geflohen, Tausende Gebildete nach Australien oder Nordamerika emigriert. Singhalesen gelten in Europa nicht als politisch Verfolgte. So sie nicht als Bootsflüchtlinge ertrinken, werden sie zurückgeschickt. Wer von den Kindern der Armen nicht einmal die harte Arbeitsemigration bei arabischen Scheichs erreicht, wird als Kanonenfutter verheizt. Wessen Bruder erschossen wurde, wer die Schwester vergewaltigt gesehen hat, ist fanatisierbar, bereit, selbst zu foltern und Minen zu vergraben. Die Tamilen-Tiger “erfanden” die spektakulären Selbstmordanschläge unserer Tage: Lkw-Bomben mit Hunderten Toten mitten in Colombo. Als “Schwarze Tiger” indoktrinierte Kinder tragen Zyankali-Kapseln als Halsschmuck: Keiner lässt sich lebend fangen.

Indien, “Mutter” der verfehdeten Geschwister Singhalesen und Tamilen, gewährte den “Tigern” – mit Blick auf 50 Millionen eigene Tamilen – zuerst stillschweigend Ausbildung, Nachschub, um 1987 schließlich auf militärischem Wege Frieden auf der Insel zu schaffen. Die regionale Supermacht holte sich beim Versuch der LTTE-Entwaffnung aber eine blutige Nase. Die Regierung in Colombo ließ den “Tigern” geheim Waffen zukommen, um die bevormundende “Mutter” wieder loszuwerden. Indiens Ministerpräsident Rajiv Gandhi wurde beim Selbstmordanschlag einer Tamilin zerfetzt.

Rebellion im Süden

Damit nicht genug. Ein in Moskau initiierter, dann maoistisch inspirierter Universitätszirkel entfachte im Süden der gespaltenen Insel einen weiteren, diesmal innersinghalesischen Feuersturm. Die Kaderpartei “JVP” versuchte sich durch Terror gegen Politiker und Intellektuelle an einer Kulturrevolution. Die Regierung schlug mit Todesschwadronen zurück. Verdächtige wurden aufgespürt, gefoltert, zur Abschreckung mit Autoreifen um den Hals lebendig verbrannt, Köpfe an Straßenrändern aufgepfählt. Monsunwellen spülen von Haien zusätzlich entstellte Kadaver an von Touristen verlassene Strände.

Bürgerkrieg im Norden und Osten, Rebellion im Süden, 100.000 indische Interventionssoldaten: Dieser Terror und Gegenterror kosteten 1988/89 rund 50.000 Menschen das Leben und brachten die Insel an den Rand des Abgrunds. Manchmal kann nur Literatur das Grauen in seiner Vielschichtigkeit begreifbar machen: Michael Ondaatje, aus Colombo stammender Autor des internationalen Buch- und Filmerfolgs “Der Englische Patient”, zeichnet in dem Roman “Anils Geist” ein beklemmendes Sri Lanka am Scheideweg zwischen Kultur und Bestialität.

Die Vertuschung von Massengräueln, ungestrafte Täter, kaum gesühnte Opfer – das alles sind vertraute Muster aus der europäischen Geschichte. Auch in Sri Lanka wurden Täter auf der Regierungsseite nie ermittelt. Hinter der lächelnden Maske einer von Gewalt erfassten Gesellschaft verbirgt sich seit 1983 eine der weltweit höchsten Selbstmordraten.

Für die Erfassung der Folgen von Verdrängung sind keine psychoanalytischen Erkenntnisse des 20. Jahrhunderts nötig. Antike Mythen, südindische Tänze dramatisieren die Schuldverstrickung einmal offen, einmal verschlüsselt: Vergehen des Einzelnen fallen auf das Individuum oder seine Sippe zurück. Beteiligt sich das Kollektiv an der Vertuschung, dann rächen sich die Götter und das Schicksal am Volk.

“Ohne jede Spur . . .” hat Barbara Preitler ein Buch über ihre Arbeit mit Angehörigen Verschwundener betitelt. Seit 2003 unterstützt die Psychotherapeutin und Psychologin von der Universität Klagenfurt den Aufbau eines psychosozialen Programms in Sri Lanka. “Egal welche Kultur: Erst Gerechtigkeit und die Anerkennung seelischer Verletzung ermöglichen rituelle Verabschiedung, Vergebung – und einen Neuanfang” , weiß Preitler aus langjähriger Erfahrung in Südasien.

Schattenseite der Insel

Bilder von Tsunami-Opfern schafften 2004 vorübergehend mediale Aufmerksamkeit, weckten ungleich mehr Hilfsbereitschaft als der Bürgerkrieg oder die rund 15 Millionen obdachlosen Opfer des asiatischen Monsunregens in diesem Sommer.

Sind uns “exotische” Kriege fremd, weil uns die flinke Zuschreibung von Gut und Böse schwer fällt? Gewohnte Feindbilder wie Kommunismus, Imperialismus oder islamischer Fundamentalismus helfen in Sri Lanka nicht weiter. Solche Kriege machen sprachlos. Wir ziehen es vor, sie nicht wahrzunehmen, wenn dies auch keine Groß- und Medienmacht tut – solange keine Rohstoffinteressen im Spiel sind. Sri Lanka ist weder Naher noch Ferner Osten. Mittlerer Südosten? Es ist eine geostrategisch undefinierte Region.

Urlauber räkeln sich an den Palmenstränden von Sri Lankas Südwestküste, in l4-Tage-All-inclusive-Clubs oder bei Ayurveda-Kuren: Eine Jahrtausende alte Medizinphilosophie des Ausgleichs gerät zum modischen Körperkult. Wir schauen bei einem Happy-Hour-Cocktail verträumt in den Sonnenuntergang. Auf der Schattenseite der Insel explodieren Landminen, werden Körper und Seelen verstümmelt.

Könnten wir etwas dagegen tun? Zumindest könnten wir etwas über unseren scheinbar verdienten und doch fragilen Frieden im Herzen Europas lernen. Nicht jedem ist es gegeben, sich wie Gudrun Kramer und Wilfried Graf für Frieden vor Ort zu engagieren. Die beiden Österreicher arbeiten seit Jahren mit der Zivilgesellschaft in Sri Lanka an einer nachhaltigen Verständigung der Konfliktparteien, ohne großzügige UNO-Gehälter, abseits von Öffentlichkeit und Medien.

Keiner der Kontrahenten kann den Krieg auf Sri Lanka gewinnen. Jede Teilung würde genauso unsauber und problematisch verlaufen wie jene Britisch-Indiens. Regierungsoffensiven gegen die “Tiger” forderten in den letzten Monaten wieder Hunderte Tote und Zehntausende Flüchtlinge. Die LTTE wurde aus dem Osten in den Norden vertrieben. Vordergründig. Sie kommt bei Nacht zurück, rächt sich an Kollaborateuren. Die Spirale aus Gewalt, Entführungen, Menschenrechtsverletzungen droht neuerlich zu eskalieren . . .

Sri Lankas Bewohner sind Buddhisten, Hindus, Moslems. Sie teilen sich eine paradiesische Insel – und zerfleischen sich im Namen von Nationalismen und Göttern. Die Instrumentalisierung von Religionen erweist sich nirgendwo als stabilisierend. Die explosiven Konfliktmischungen aus Volk, Religion und Rache reichen von Sri Lanka über den Sudan, Kaschmir, Kambodscha in den Kaukasus, Kosovo, Kongo, bis nach Osttimor, Westafrika und an viele andere Schauplätze des Schreckens. Unsere heile Welt schottet sich davon ab. Wir glauben uns erhaben, herausentwickelt aus dem Lebens-, manchmal Teufelskreis von Barbarei, Leid, Wiedergeburt. Es sind immer die Anderen, denen die Gewalt im Blut liegt und die eine Projektionsfläche für das Archaische bilden, das wir in uns selbst scheinbar getilgt haben . . .

Wer nicht religiös ist, mag sich mit einem Satz des Dichters Manes Sperber trösten: “Überlebt auch nur einer heil an Körper und Seele, ist die Menschheit nicht verloren.” Indiens schillernder Smaragd ist eine Träne im Ozean. Auf versöhnlichen Wellen gelangt man zu den Gestaden der nächsten Insel, dem kleinen Mauritius – mit toleranten Hindus, Buddhisten, Muslimen und Christen.

Gunther Neumann, geboren 1958, ist Journalist und Beobachter lokaler Kriege in Lateinamerika, Afrika, Asien. Lange bei internationalen Organisationen für Konfliktlösung und heute in EU-, UN- und OSZE-Projekten tätig.

Freitag, 31. August 2007



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