Die große Welle
Frank Nordhausen (Text) und Pablo Castagnola (Fotos) waren nach dem Tsunami in Sri Lanka. Jetzt haben sie das Land noch einmal besucht
Am Hafen der alten Holländerstadt Galle, dort wo es tonnenschwere Schiffe auf den Kai gedrückt hatte, wo jetzt die bunten neuen Boote liegen, sind ein paar halbnackte Männer am Betonieren. Was das wird? “Ein Haus. Wir bauen unser Haus wieder auf”, sagt ein Mann. Aber warum erst jetzt? Und was ist mit den Ruinen links und rechts?
Schwierige Sache. Hat mit der Pufferzone zu tun. Hundert Meter vom Strand sollte ja eigentlich nichts mehr gebaut werden. Aber dann waren neulich Wahlen, und Fischer sind auch Wähler, also wurde die Zone abgesenkt, bis sie wieder war wie früher. 35 Meter, oder, je nach Auffassung, Null. Also darf gebaut werden. Also können die Fischer aus dem Lager vier Kilometer landeinwärts zurückkehren ans Meer. Wenn sie wollen, und die meisten wollen wohl.
Wird auch Herr Pradheep zurückkommen, den wir damals hier kennen lernten? “Wer weiß. Er hat Angst vor dem Meer.”
Das Meer ist wunderbar blau und ruhig an diesem Tag in Galle im Süden von Sri Lanka, keine weißen Kräusel oder Kronen. Es ist freundlich. Perfekt. Pablo Castagnola, der Fotograf, sagt, guck mal, man sieht Schiffe draußen, große Schiffe. Man sieht auch Fischerboote. Vor einem Jahr fuhr niemand zum Fischen hinaus. Nicht einmal die Marine patrouillierte. Drei oder vier Monate lang wollte auch niemand Fisch essen. Man wusste nicht, was die Fische gefressen hatten da draußen im Meer.
Wir suchen nach dem alten Fischer, den Castagnola vor seinem zerstörten Haus fotografiert hatte. Sein Haus steht ein wenig zurückgesetzt, eine saubere Ruine. Die Welle hat ein Zimmer heil gelassen, die Uhr darin zeigt noch Tsunami-Zeit, 9.25 Uhr, vielleicht um Gäste zu beeindrucken. Wo früher ein Laden war, stehen jetzt Zelte und Bretterbuden. Aus den Holzhütten stürzen Kinder, halten die Hand auf. Frau Kumari kommt, Mutter von fünf Kindern, die Tochter des alten Mannes, eine schlanke Frau mit goldenen Ohrringen. Sie verjagt die Kinder, schimpft, zu viele Leute hätten sich das Betteln angewöhnt, weil es mehr bringt als zu arbeiten.
Dann kommt auch der Großvater, sie freuen sich über Castagnolas Bild, die Großmutter weint, wir fragen, wie sie jetzt leben? Ach, mehr schlecht als recht, der Vater hat kein Boot bekommen, sie wohnen nun im Lager, weitab von hier, es gab etwas Geld von Ausländern, auch von der Regierung, es hat fürs Essen gereicht und für ein Fahrrad, aber alles ist verbraucht. Der Ehemann war Tuktuk-Fahrer, er hat sein Gefährt eingebüßt und nun keine Arbeit mehr. Schwerer wiegt, dass die Großfamilie vierzehn Mitglieder verloren hat, sie haben nicht einmal Fotos der Toten, aber sie zeigen uns ein Bild der Lebenden. Ein australischer Fotograf hat die überlebenden Familien von Galle fotografiert, damit sie ein Bild haben, wenigstens eines. Und Frau Kumari geht bei einer Hilfsorganisation putzen, und ihr Bruder, dessen Frau vermisst wird, fährt wieder hinaus zum Fischen. Irgendwie kommt man über die Runden.
Wir waren schon einmal hier, vier Tage, nachdem die große Welle kam. Ein schwarzer Sumpf zwischen Palmen. Im Wasser Eisenteile. Bohlen. Ziegel. Grotesk verdreht die Gleise der Bahn. Zwischen den Palmen Waggons. Tonnenschwere Triebwagen. Tote Körper wie riesige weiße Fische. Verwesungsgeruch. Gut, die schweren Schuhe zu tragen, dachte ich. In den Waggons waren die Sitzbänke abgerissen, die Fenster zersplittert, Kabel hingen herum. Der Inhalt von Taschen hatte sich auf dem Boden verteilt. Darunter ein Tagebuch. Es erzählte von einem Mädchen aus Schweden, das vier Monate Ferien hatte und von Goa herunterkam. Ich las lange darin. Es war still, als gäbe es kein Geräusch auf der Welt, nichts außer dem Regen. Nie endendem Regen.
Ein Jahr darauf fällt wieder schwerer Regen. Als wir das Auto zwischen den Hütten parken, tönt eine Hupe wie von einem Schiff. Plötzlich taucht er auf aus dem Dschungel, der Zug, den sie die Königin des Meeres nennen. Er donnert vorbei. Dann erst nehme ich die Kinder um uns wahr und die braunen, zarten Frauen. Sie rufen, you give money, wir sind arm, wir haben nichts, du hast viel, gib uns was. Castagnola sucht das Gelände nach Motiven ab, er nimmt ein paar Kinder auf, farbige Tupfer vor rostigroten Waggons, die sie abgestellt haben zum Gedenken. Das Mahnmal für das größte Zugunglück aller Zeiten, als die Todeswelle die Bahn vom Gleis riss und in die Palmen warf und weit mehr als tausend Menschen ertränkte. Ein Massengrab, wo einmal das Dorf Peraliya war, eine Stunde entfernt von Galle.
Vor einem Jahr stand hier im Sumpf am Tag vor Silvester Anton Perera mit seinem Regenschirm. Anton Perera, 35 Jahre alt, Fachschuldozent, der nach seiner Frau Dhammiya, der fünfjährige Bagya und dem vierjährigen Bilanka suchte. Sie waren auf dem Weg vom Weihnachtsbesuch in Colombo zurück in das Dorf gewesen, in dem die Frau unterrichtete. Anton Perera hatte keine Hoffnung mehr, er wollte nur etwas finden, an das er sich halten konnte. Als wir ihn trafen, hatte er es gefunden. Einen grünen Sari seiner Frau, einen Spielzeugbären und ein rosa Hemd seiner Kinder. Er sagte, und die Tränen rannen ihm übers Gesicht, er werde nie wieder sein können wie er früher einmal war.
Die Augen von Thilak Perera sind schwarz und traurig wie die Augen seines Bruders. Er ist ein wenig jünger als Anton, hatte seinen Bruder damals auf der Suche begleitet. Er erzählt, dass Anton noch immer in China eine Fortbildung absolviert. Am Telefon müsse Anton oft weinen. Thilak sagt, dass sein Bruder in China bei Freunden Geld gesammelt habe. “Er hatte erfahren, dass einer seiner Studenten, der aus Peraliya stammte, sein Haus verloren hatte. Mit dem Geld konnte er der Familie ein neues Haus bauen.” Anton habe einfach etwas tun wollen, gegen dieses überwältigende Gefühl der Ohnmacht.
Es mag wohl sein, dass Anton Perera sich selbst einen Teil der Schuld am Tod seiner Familie gibt. Weil er in China war, als es geschah. Weil er nicht hier war, um sie zu beschützen. Oder mit ihnen zu sterben.
An einen der Waggons haben Mönche eines buddhistischen Klosters einen Aufruf geklebt. “Bürger, bettelt nicht an diesem Mahnmal, wahrt eure Würde!” Es kommen Touristen hierher, einige auch jetzt im Regen. Zum Meer hin stehen die schnell errichteten Hütten, die den Menschen vorläufig Schutz gewährten und jetzt tagsüber von den Bettlern genutzt werden. Hinter den Gleisen hat man schöne neue Häuser gebaut. Teils so nah am Bahndamm, dass die Königin des Meeres ihre Wände beim Vorbeifahren zittern lässt. Castagnola fotografiert eine junge Frau, die vor ihrem Haus, direkt neben dem Mahnmal, auf einem Plastikstuhl sitzt und sich, doch ja, genussvoll die schwarzen Haare kämmt. Andererseits, es ist vorbei, der Zug riecht nach nichts mehr, außer nach Rost und Regen.
Das neue Haus am Bahnübergang hat, so steht es auf einer Messingtafel, ein Parlamentsabgeordneter aus Colombo gestiftet. Darin wohnt Layanal Wirarathna, ein Dorfbeamter, der an diesem drückend schwülen Tag nur ein leichtes Tuch um die Hüften trägt. Wir sitzen eine Stunde unter seinem Vordach, bis der Regen nachlässt. Dem Beamten hat der Tsunami die Mutter und den Vater genommen. Das erwähnt er am Rande. Er klagt über die ungerechte Verteilung der Hilfe, sein Nachbar – sehen Sie mal rüber! – der habe viel mehr bekommen, hat jetzt ein Motorrad und einen schönen Kühlschrank und noch einiges dazu. Und die Leute vorne, dass die sich nicht schämen, sie bettelten die Touristen an, obwohl sie doch alle gut versorgt seien. Er sagt es, als schäme er sich für sie.
Aber ist es nicht unheimlich, hier zu wohnen, wo so viele Menschen starben? Layanal Wirarathna nickt. Er flüstert: “Hier sind viele Geister.” Er habe jetzt, zum Jahrestag der Katastrophe, sechs Mönche engagiert, um in seinem Haus zu beten. Ob das genug ist? Alle Nachbarn haben Mönche bestellt, um die toten Seelen zu versöhnen. Dann sagt der Mann, er habe noch keine Nacht in dem neuen Haus geschlafen. Keiner habe in seinem Haus geschlafen. “Nachts gehen alle weg.” Was, alle Leute gehen weg? “Ja, alle.”
Nachts ist die Küstenstraße, die Verbindung von der Hauptstadt in den dicht besiedelten Süden, wie leergefegt. Früher habe sich der Verkehr bis um Mitternacht gedrängt, sagt unser singalesischer Fahrer Chandrasiri Ramasinghe, den alle Raja nennen. Jetzt hätten die Menschen Angst. Ein Freund zum Beispiel nahm nachts in Peraliya einen Anhalter mit. Der Fremde setzte sich neben ihn ins Auto und sprach nicht ein Wort. Als er sich umwandte, war niemand mehr da. Ein anderer Freund musste nachts bremsen, weil plötzlich eine Prozession aus dem Palmenwald trat. Graue Gestalten, die Särge trugen. Er überholte die Gruppe, doch als er in den Rückspiegel sah, waren sie verschwunden. Raja berichtet auch von Unfällen, weil Geister aus dem Nichts auftauchten.
Es gibt dunkle Strecken auf dieser Straße. Wenn man aber die Straße nur dunkel kannte, wie sie nach dem Tsunami war, dann wirkt sie jetzt, in den neu aufgebauten Touristenorten, mit den blinkenden Neujahrsgirlanden, den neu eröffneten Läden, mit der Neonreklame, den geheimnisvollen Gebetsräumen der Muslime und Buddhisten wie eine Hymne an das Leben. Wie ein Wunder. Als ob man nur einen Schalter umlegen musste, und alles war wieder da.
In der Hunderttausend-Einwohner-Stadt Galle sind wir im Lighthouse Hotel untergebracht, das wie ein Märchenpalast auf einer Klippe thront. Wegen dieser Lage hatte das Hotel nur ein paar Wasserschäden im Erdgeschoss. Wo damals Satellitenschalen von BBC und Sky News standen, im Kies vor dem Hotel, parken nun makellos weiße Fourwheeldrives mit UN- und Rotkreuz-Aufklebern. Man serviert Barbecue bei Fackellicht. Drei weiß gekleidete dunkelhäutige Männer singen und trommeln. Die Wellen donnern an die Küste.
Am Bufett, in einer riesigen Halle von tropischer Eleganz, verlieren sich zwei oder drei Touristenpaare, dazu einige Gruppen robuster Aufbauhelfer mit ihren Bergschuhen und Baseballkappen. Eine Delegation ist auch da, eine Gruppe um Christina Rau, die Frau des früheren Bundespräsidenten, die deutsche Hilfsprojekte besucht. Am Abend, als Frau Rau durch die deutsche Seefahrtsschule im alten Galle Fort ging, hatten uns fliegende Ameisen gebissen. Raja sagt, das habe es früher nicht gegeben. Auch die anderen kleinen Insekten nicht, die plötzlich in riesigen Wolken auftreten und die sie Tsunami-Fliegen nennen.
In Colombo hatte ich den Chef der srilankischen Tourismusbehörde gefragt, wie denn die Lage so sei im Jahr eins nach dem Seebeben? Der Mann, ein teddybärhafter Berufsoptimist, erwiderte, alles entwickle sich prächtig. Man habe sogar drei Prozent mehr Gäste als im Vorjahr, weil verstärkt Inder und Singapur-Chinesen kämen. Ein wenig Sorge mache noch das Zögern der Europäer, aber andererseits – er lehnte sich zurück, ein breites Lächeln erschien auf seinem Gesicht – andererseits habe der Tsunami Sri Lanka als “potentielles Urlaubsziel” weltweit erst auf die Agenda gesetzt. “Jetzt kennt man uns sogar in Kanada.”
Die Statistik ist das eine. Die leeren Zimmer im Lighthouse sind das andere. Im gesamten Süden der Tropeninsel das gleiche Bild: Hotels und Pensionen sind höchstens zur Hälfte gebucht, die Traumstrände menschenleer, die neuen Restaurants, Bars und Souvenirläden wirken poliert wie zum Sommerschlussverkauf. Nur dass die Kunden fehlen. Die Hoteliers sprechen von Einbrüchen bis zu achtzig Prozent. Ohne die Gäste aus den Hilfsorganisationen hätten viele es nicht geschafft zu überleben.
Wir finden keine Touristen, die den Schrecken miterlebten und wiedergekommen sind. Nicht einmal jene Winterflüchtlinge, die nach dem Tsunami blieben, aus Trotz oder weil sie beim Aufräumen helfen wollten. Wie jener Herr aus Hamm bei Dortmund, der in Unawatuna einem Hotelier zur Hand ging, sein Grundstück vom Schutt zu befreien. Wer dieses Jahr nach Sri Lanka fährt, kommt aus Neugier. Oder aus Solidarität. Beim Frühstück auf der Terrasse sagt Herr Vonnahme, ein hagerer Tierarzt aus Paderborn, die Aussicht sei grandios, aber im Meer würde er nicht schwimmen. Seine Frau sagt, es ist die Strömung, die Strömung ist zu stark hier. Sie waren vor drei Jahren schon einmal auf Sri Lanka, sie sind gekommen, um Geld auszugeben und dem Land damit zu helfen. Das muss ein seltsames Gefühl sein, Ferien machen, um zu helfen. Und, haben sie keine Angst? Herr Vonnahme lacht. “Ein Absturz mit dem Flugzeug dürfte um ein Vielfaches wahrscheinlicher sein als ein neuer Tsunami”, sagt er.
Man kann es auch so sehen: es ist billig, es ist warm, und es gibt Bier. Man kann es mit den Augen der drei hochgewachsenen Jungen aus Zürich betrachten, die ihr Arbeitslosengeld in der Mambo Bar in Hikkaduwa verjubeln. Hikkaduwa, eine halbe Stunde von Galle entfernt, ist bekannt für seine hohen Wellen, die günstigen Guest Houses und die Partys. Allerdings hatten sich Simon, Dave und Christian das Land nach dem Tsunami doch ein wenig abenteuerlicher vorgestellt. Nun ist aber alles wie überall. Nicht mal Ruinen gibt es in Hikkaduwa. Dass die Küste abseits der Hotels noch immer einem Trümmerfeld gleicht, haben sie irgendwie nicht auf dem Schirm. Und dass sich das Meer plötzlich wieder zurückziehen könnte, um wie eine gewaltige Wand zurückzukehren, darüber machen sie sich wahrscheinlich auch keine Gedanken.
Andererseits sind Surfer auch nicht gerade die Kunden, auf die man in Hikkaduwa wartet. Der Souvenirladen neben der Bar führt eine unglaubliche Menge neuer Schnitz- und Batikwaren. Der Händler sagt, alles sei zerstört gewesen, aber Freunde hätten ihm Kredit gegeben. So habe er wieder starten können. Es fehlten nur kaufkräftige Touristen.
Sri Lanka, eins der weltweit ärmsten Länder, hat sich nach der Katastrophe in einem Maß selbst geholfen, das man kaum für möglich hält. Bauunternehmer aus Colombo schickten Bagger, um die Straßen zu räumen. Großhändler verteilten Wasserflaschen und Reis. Tempel, Kirchen und Moscheen nahmen die Obdachlosen auf. Die Regierung sandte Soldaten zur Reparatur von Straßen und Brücken. Am vierten Tag nach der Katastrophe trafen wir in Galle den Verkehrsminister aus Colombo, der einen Trupp Telefoningenieure begleitete. Er sagte, noch fünf Tage, dann könne man hier wieder anrufen. Er hat Recht behalten. Das war, bevor die internationale Hilfe anrollte.
“Das hier ist Sri Lanka, das ist nicht New Orleans. Wir können uns eben selbst organisieren.” So sagt es der neue Distriktsekretär für den Wiederaufbau in Galle, mit bebendem Stolz in der Stimme. Die Distriktverwaltung liegt neben dem Busbahnhof der Stadt, auf dem mehrere hundert Menschen starben, als die Welle die Wagen erfasste und wie Spielzeug herumschleuderte. Jetzt ist der Bahnhof neu, die Busse sind schöner als zuvor, es gibt wieder Schuhputzer, Losverkäufer, Lastenträger.
Der Sekretär, ein kleiner Mann mit Schnurrbart und dicker Brille, hat viel zu tun. Termine, draußen wartet ein Holländer, was der wohl will. Hier gab es einigen Ärger mit den vielen Hilfsorganisationen. Sogar Demonstrationen gegen sie. “Natürlich sind wir dankbar, aber es kamen auch viele, die nur sich selbst helfen wollten und denen die Gesetze egal waren”, sagt er. “Man kann nicht einfach irgendwo Häuser bauen oder Hilfe mit religiöser Missionierung verbinden. Sri Lanka ist ein funktionierender Staat.”
Die Zahlen kann der Sekretär auswendig aufsagen, 80 000 zerstörte Häuser im Land, 50 000 Notunterkünfte, 20 000 feste Häuser im Bau, 7 000 fertig, davon 900 in Galle. Gelistet, genehmigt, gebaut, bezogen. Gut angelegtes Spendengeld. Man hat Katastrophenschutzpläne erarbeitet und Fluchtrouten ausgeschildert. Der Sekretär drängt, danke für das Interesse, ah, die Visitenkarte, und dann auf Wiedersehen. Unten im Foyer, wo sich vor einem Jahr Reissäcke und Zelte stapelten, hat die Verwaltung Tsunami-Relikte ausgestellt: wasserverklebte Buchhaltungsakten, eine verbeulte Schreibmaschine, einen beschädigten Tresor.
Es ist nicht schwer, die Menschen zu finden, die Castagnola damals fotografierte. Die Waisenkinder im Sambodhi-Heim, die sich seit dem Tsunami selbst verwalten. Die Schneiderin, die Vater und Neffen verlor und jetzt wieder mit dem Nähen begonnen hat in der Ruine ihres Hauses – ein Bild wie vom Wiederaufbau Deutschlands. Den muslimischen Lebensmittelhändler, der den Verlust seiner Existenz beklagte. Jetzt hat er den Laden renoviert, hat die Regale gefüllt und schöne neue Kühltruhen. “Die Großhändler haben uns sehr geholfen”, sagt der Kaufmann. Sie haben Ware geliefert und die Rechnungen gestundet. Banken haben günstige Kredite gegeben, Konzerne ganze Paletten Limonade, Kekse oder Kaffee umsonst geliefert. Das Geschäft geht besser als zuvor. “Dank der Hilfsorganisationen. Die brauchen viel, und wir haben es.” Es gibt in Galle Einkaufsstraßen, die nur noch Schutt waren und jetzt wieder brummen, als wäre nichts passiert. Tsunami sei eben auch Business. “Big Business”, sagt der Händler.
Schließlich finden wir auch Rijana Abdulkader. Sie wohnt nicht mehr in Katugoda, dem muslimischen Viertel von Galle, das die Welle besonders schwer getroffen hatte. Rijana war an jenem Tag zur Vollwaisen geworden, auch ihre Geschwister hatte das Meer mit sich genommen. Nur sie, die so wunderbar schnell rennen kann, sie hat überlebt. Vor einem Jahr lebte sie bei ihren Tanten mit neun Personen in einem winzigen Lehmhaus in einer moskitoverseuchten Senke am Fluss. Jetzt bauen Hilfswerke am Fluss neue Steinhäuser, auch für diejenigen, deren Leben nicht vom Tsunami, sondern von der Armut verwüstet wurde. Rijanas Tante Farida zeigt uns ihr neues Haus, es gibt neue Betten, neue Moskitonetze, eine richtige Küche. Sie hat drei Kinder verloren, aber sie ist wieder schwanger, die funkelnden Augen spiegeln ihr Glück. Und ihr Mann hat Arbeit. Zukunft.
Farida besaß auch ein Grundstück, um darauf zu bauen. Ihre Schwester Soban jedoch, der die Welle den Mann und einen Sohn nahm, jene Schwester, die auch Rijana bei sich beherbergte, sie hat nichts als ein Zelt. Ihr Haus stand am Kai auf einem Stück Land, das ihr nicht gehörte. Soban weiß nicht, was aus ihr werden soll. Ihr Schwager will sie nicht im neuen Haus haben. Daher hat sie auch Rijana, die Waise weggegeben.
Wir finden das dreizehnjährige Mädchen im Hinterland, gut eine Stunde entfernt. Sie lebt dort, wo es keinen Tsunami gab, aber auch keine internationale Hilfe. Sie lebt im Arabischen Mädcheninternat Baithul Hitema. Das Internat ist ein stiller Ort hinter einer hohen Mauer, die 52 Mädchen dürfen es nicht ohne Begleitung verlassen. Sie lernen Englisch, Mathematik und Arabisch. Das Haus ist sauber und gut geführt, aber arm. Die Lehrerinnen, junge Frauen mit Kopftuch, die ein wenig schüchtern sind, sagen, leider könnten sie den Kindern nur Reis, Brot und Curry bieten. Manchmal Huhn. Es wäre gut, wenn es auch mal etwas anderes gäbe.
Und Rijana, die für uns ihre Schuluniform angezogen hat, einen lila Umhang, der nur ihr schönes dunkles Gesicht frei lässt, Rijana redet noch immer kaum ein Wort, und wenn, dann sehr leise. Sie sei gern hier. Sie lerne gern Sprachen und den Heiligen Koran. Sie möchte Arabischlehrerin werden, sagt sie. Als Rijana wieder gegangen ist, sagt die Lehrerin, eigentlich bräuchte das Mädchen psychologische Hilfe. “Manchmal ist sie irgendwo ganz woanders. Manchmal fängt sie im Unterricht an zu zittern. Aber es wird besser. Die Gruppe tut ihr gut. Die Angst lässt nach.”
Dann fahren wir nach Osten. Je weiter wir kommen, desto mehr verlassene Ruinen säumen die Straße. Manche Küstenstreifen sehen noch immer aus wie ein Katastrophengebiet. Und doch, die internationale Hilfe kam zwar später, aber sie kommt auch hier an. Wir besuchen Projekte des deutschen Technischen Hilfswerks, der Gesellschaft für Technische Zusammenarbeit, der kleinen, effektiven Hilfsorganisationen Arche Nova aus Dresden und Help aus Bonn. Wir sehen, wie neue Häuser entstehen, wie Brunnen gebohrt, wie komplette Krankenhäuser aufgebaut werden. Auch die Natur erholt sich. Der Reis gedeiht wieder. Vielerorts werden Buhnen angelegt zum Schutz vor neuen Riesenwellen.
Auf dem Weg zur weltberühmten Surfer-Bucht Arugam Bay müssen wir das Hinterland durchqueren, den Dschungel, die Savanne, in der wilde Elefanten leben, Rückzugsgebiet der tamilischen Rebellenbewegung Liberation Tigers of Tamil Eelam. Auch hier, weitab der Küste, gibt es Ruinenfelder. Mehr als 35 000 Menschen tötete das Meer, aber rund 65 000 Menschen verloren ihr Leben im Konflikt zwischen Tamilen und Singalesen. Mit Sandsäcken und Stacheldraht gesicherte Forts des srilankischen Militärs entlang der Straße lassen ahnen, wie brüchig der Waffenstillstand ist. Nach dem Tsunami hatten die Feinde einige Zeit zusammengearbeitet, sich dann aber – unter anderem wegen der Verteilung der Hilfsgelder – wieder heillos zerstritten. Seit ein singalesischer Nationalist im November die Wahlen gewann, wird im Osten und Norden Sri Lankas wieder geschossen. Neue Kombattanten sind aufgetaucht, muslimische Gruppen, die gegen die Tamilen kämpfen. Jeden Tag sterben Menschen. “Wir haben weder Krieg noch Frieden”, sagen die Leute. Die Chance, nach der Katastrophe dauerhaft Frieden zu schließen, wurde nicht genutzt.
Wir haben unseren Kleinbus mit Aufklebern deutscher Hilfsorganisationen kenntlich gemacht. Ausländer sind bisher nicht angegriffen worden. Vor Arugam Bay passieren wir einen waffenstarrenden Checkpoint, dann geht es über die neue Behelfsbrücke in das Surfer-Paradies, wo im Sommer bereits wieder ein internationaler Wettbewerb stattfand. Arugam Bay liegt auf einer Landzunge zwischen dem Meer und einer Lagune. Das Fischerdorf mit seinen kleinen Pensionen und Bars wurde regelrecht zerschmettert. Über 400 Menschen, ein Zehntel der Bewohner, starben.
Damals gab es in Arugam Bay nur noch ein intaktes Haus, das Siam View Hotel, Treffpunkt der Ausharrenden und der Hilfswerker, das wie ein Leuchtturm der Flut getrotzt hatte. Die Hälfte des Gebäudes hatte die Welle zwar weggerissen, aber die Bar im ersten Stock hatte gehalten. Sämtliche Gäste, die meisten hatten bis zum Morgen die Full Moon Party gefeiert, konnten sich dorthin retten und bei einem Glas Gin das angstmachende Schauspiel beobachten. Im Siam View Hotel gab es in den Tagen nach dem Tsunami Essen für alle umsonst und sogar kaltes Bier vom Fass. Der Hotelier Fred Netzband-Miller, deutsch-englischer Bauingenieur und Abenteurer, der neun Kinder auf dem Erdball hat, leistete Nothilfe im Dorf, bis die ersten professionellen Helfer am Silvestertag eintrafen.
Netzband-Miller hat sein gesamtes Geld in ein Tsunami-Warnsystem investiert, er ist fast pleite, führt das Siam View Hotel mit Restaurant und Biergarten aber noch immer. Der 55-jährige hat sogar seine Beach Bar neu aufgebaut, er hat auch den Rohbau des Haupthauses fertig. Die Saison war letztlich besser als befürchtet, die vielen Mitarbeiter der Hilfsorganisationen müssen auch Bier trinken, ein paar Surfer sind gekommen, “die lassen sich von Krieg und Tsunami nicht abhalten, die reiten auf der Welle, auch wenn am Strand Bomben einschlagen”. Netzband-Miller trinkt einen Kaffee und blickt hinüber zum Meer. Angst habe er jedenfalls nicht, sagt er, sein Haus sei jetzt Tsunami-sicher.
Er kann aber Geschichten erzählen, die man sonst nicht zu hören bekommt. Wie die Hilfsorganisationen das Dorf geradezu überrannten und gar nicht mehr wussten, wohin mit dem Geld. Wie das französische Rote Kreuz ihn verklagte, weil er gewagt hatte, dessen ineffektive Arbeit auf seiner Webseite zu kritisieren. Er erzählt, dass deutsche Spender Geld für eine Schule schickten, die der italienische Staat längst aufbaute und das Geld werweißwohin verschwand. Wie eigentlich nur eine einzige kleine Hilfsorganisation, Demira aus München, das ganze Jahr über in Arugam Bay aushielt und die Menschen noch versorgte, als die Franzosen längst wieder weg waren. Ausgerechnet Demira, denke ich, eine Gruppe von Ärzten, die uns damals überaus kopflos und chaotisch erschienen war.
Der Hotelveteran ist nicht der einzige, der an die Zukunft von Arugam Bay glaubt. Die Hälfte aller Pensionen wurde wieder aufgebaut. Dean‘s Beach Hotel. Die Hillton Cabanas. Der Aloha Surf Shop. Nur die Straße selbst, sie ist im gleichen lausigen Zustand wie vor einem Jahr. Wie im übrigen fast alle Straßen im Osten, was damit zusammenhängt, dass nach Osten die tamilische Bevölkerung – und die Anzahl der Militärposten – stetig zunimmt.
Auch das Dorf Komari, wie Arugam Bay zwischen das Meer und eine Lagune geklemmt, bot vor einem Jahr ein apokalyptisches Bild. Stromleitungen blockierten die Straße, mehr als tausend Häuser waren aus dem Sand gerissen worden, der Sand wehte weiß über den Asphalt, an verdorrten Palmen hingen aufgefädelte Tonbänder und herrenlose Kleidungsstücke, nur ein hinduistischer Tempel hatte dem Wasser standgehalten. Die Überlebenden aus Komari sammelten sich auf einer Anhöhe, einige irrten durch den Sumpf, es gab keine funktionierenden Verbindungen zum Hinterland wie etwa in Galle. Ihre Rettung war die christliche Hilfsorganisation World Vision, die das Gebiet gut kannte und schon vor dem Tsunami hier Bürgerkriegsflüchtlingen half. So konnten schnell Zeltlager eingerichtet, Wasseraufbereitungsanlagen und Essen organisiert werden. Das finnische Rote Kreuz, ebenfalls schon lange im Osten der Insel engagiert, baute eine Feldklinik auf. World Vision ist immer noch da, die Weltbank und andere Organisationen sind hinzugekommen. Und Komari, das so verheerend getroffene Komari, wächst aus den Ruinen schöner als es wohl jemals war.
Hier trafen wir vor einem Jahr den Dorflehrer Hetti Hera Chandrasiri, der mir wie ein lebendes Symbol der Verständigung erschien: er Singalese und Buddhist, seine Frau Tamilin und Hindu. Er konnte mit der Frau und den beiden Kindern flüchten, als die Welle heranraste, aber seine Mutter hat sie nicht überlebt. Er räumte damals in einem Schutthaufen herum, der einmal sein Haus gewesen war. Ziellos. Traumatisiert. Er sagte, es sei schwer daran zu glauben, dass in Komari jemals wieder Menschen leben könnten. Aber er wollte trotzdem bleiben.
Noch leben in Komari viele Menschen in Zelten, aber wir sehen auch hunderte neuer Häuser, Wäsche flattert auf den Leinen, die Fischer haben neue Katamarane. Wir fragen nach Herrn Chandrasiri, es ist ein bisschen schwierig, weil die Leute Tamilen sind und kaum einer Englisch versteht. Da kommt er plötzlich angerattert auf einem hübschen roten Moped. Herr Chandrasiri macht den Eindruck, als gehe es ihm gut, trotz allem. Er zeigt auf ein Gebäude, sagt, das sei die neue Schule, die Schüler hätten selbst mitgebaut, und schon in einem Monat, da werde dort unterrichtet. Oh ja, sagt er, “wir lernen aus dem Unglück, wir werden uns wappnen.” Nur die Lage des Ortes könne man leider nicht ändern. Manchmal rennen alle plötzlich in Panik auf die Anhöhe. Herr Chandrasiri ist der Ansicht, dass jederzeit wieder ein Tsunami kommen kann. Aber er lächelt.
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Foto: Der Fischer und sein Fang Drei Monate lang haben die Fischer von Galle die Netze nicht ausgeworfen. Weil niemand mehr Fisch essen wollte. Jetzt fahren sie wieder hinaus aufs Meer. Und der Fang ist besser als zuvor.
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Foto: Die Fischer und das Meer Um den Katamaran vom Strand zu wuchten, brauchen sie jeden Mann. Nicht jeder hat ein neues Boot bekommen, aber Arbeit ist für die meisten da.
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Foto: Das Paar und das alte Lehmhaus Weil diese armen Reisbauern neben einer neuen Siedlung für geschädigte Fischer wohnen, bekommen auch sie ein schönes Steinhaus.
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Foto: Der Junge und das Wasser Nihal freut sich, dass wieder sauberes Wasser aus dem Brunnen kommt. Über 200 solcher Brunnen hat ein Dresdner Hilfswerk in Batticaloa gebohrt.
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Foto: Das Waisenkind Rijana Abdulkader verlor Eltern und Geschwister. Eine reiche Muslimin bezahlt ihr Internat.
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Foto: Der Junge und die Ruine Bei Batticaloa spielen Kinder in zerstörten Häusern. Im Osten Sri Lankas gleichen die Strände noch immer Schuttfeldern, Straßen und Brücken sind oft nur notdürftig geflickt. Es kommt wenig Geld aus Colombo. Weil der Osten Tamilengebiet ist. Die Frau am Mahnmal In Peraliya, wo die Todeswelle einen vollbesetzten Zug von den Gleisen riss und mehr als tausend Menschen starben, wurden drei der Waggons als Tsunami-Denkmal aufgestellt. Die Bahn fährt wieder. Die Überlebenden des Dorfs sind zurückgekehrt.
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