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Touristen halten Sri Lanka die Treue

Trotz der angespannten Lage im Tamilen-Konflikt liegt die „Perle des Indischen Ozeans“ weiterhin im Trend

Handelt es sich bei Sri Lanka um die „Perle des Indischen Ozeans“ oder eher um eine „Träne im Indischen Ozean“? Auf diese Frage scheinen die Bundesbürger eine eindeutige Antwort zu haben, denn trotz der jüngsten, politischen Negativ-Schlagzeilen halten sie der tropischen Insel weiterhin die Treue. Die Gewaltausbrüche der vergangenen Monate, die in erheblichem Ausmaß den 2002 zwischen der Regierung und der tamilischen Rebellen-Organisation „Liberation Tigers of Tamil Eelam“ (LTTE) geschlossenen Waffenstillstand verletzt haben, scheinen zu keinerlei Einbruch der Besucherzahlen geführt zu haben. Das dürfte nicht zuletzt darauf zurück zu führen sein, dass die touristisch relevanten Urlaubsziele fast alle außerhalb der Tamilen-Gebiete liegen und westliche Touristen bisher noch nie Ziel von Anschlägen gewesen sind.

Nach der offiziellen Statistik kamen bis Ende Mai 253.136 Ausländer auf die Insel, was im Vergleich zum Vorjahres-Zeitraum einem Zuwachs von 21,5 Prozent entspricht. Darunter lassen sich mit über 30.000 Besuchern auch fast 50 Prozent mehr deutschsprachige Urlauber finden. Denn keiner der großen, bundesdeutschen Veranstalter hat seine Reisen nach Sri Lanka eingeschränkt. Ganz im Gegenteil: „Die Insel zählt sogar zu unseren Verkaufs-Rennern im aktuellen Sommerprogramm“, betont zum Beispiel Petra Hartmann vom Münchner Veranstalter „FTI – Frosch Touristik“. Besonders gut gebucht seien Ayurveda-Angebote und Rundreisen. Der positive Trend wird vom Groß-Veranstalter TUI bestätigt. „Ich bin selbst erstaunt“, berichtet Pressesprecherin Sylvia Einsle, „dass unsere Buchungseingänge für Sri Lanka trotz der schrecklichen Nachrichten über dem Niveau des vergangenen Jahres liegen und sogar über dem guten Jahr 2004.“ Schließlich präsentiere sich so mancher Strand heute ja sogar noch schöner als vor dem Tsunami, während die Hotels ihren Standard generell verbessert hätten.

Dass die Destination auch international weiterhin gefragt ist, bestätigt Hiran Coorey von „Jetwing“, das zu den führenden Reise-Agenturen im Land gehört. „Wir sind mit der guten Buchungslage zufrieden und freuen uns darüber, dass uns die Touristen nicht im Stich lassen!“. Immerhin hätten sich die LTTE-Rebellen trotz des schweren Konflikts ja auch schon in den vergangenen Jahrzehnten stets „touristenfreundlich“ verhalten. So rät das Auswärtige Amt in Berlin derzeit auch nur von Reisen in die nördlichen, östlichen und südöstlichen Landesteile ab (nähere Infos im Internet unter www.auswaertiges-amt.de). Generell gemieden werden sollten die Tamilen-Städte Jaffna, Trincomalee und Batticaloa, die aber ohnehin nur über eine geringe, touristische Infrastruktur verfügen. Voll im Betrieb indes befinden sich die Randgebiete der Krisen-Provinzen – wie der beliebte Yala-Nationalpark oder das legendäre Bade- und Surfer-Paradies Arugam-Bay an der Ostküste, dem mit statistischen 330 Sonnentagen pro Jahr noch eine große, touristische Zukunft prognostiziert wird. (vk)

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BILD-UNTERSCHRIFTEN

(alle Aufnahmen von Volker Klinkmüller)

Foto A – Arugam-Bay:

Das legendäre Bade- und Surf-Paradies Arugam-Bay liegt am Rand des Tamilen-Gebiets – und ist derzeit trotzdem das wichtigste Urlaubsziel an der Ostküste Sri Lankas. Hier gelten die europäischen Sommer-Monate als Hochsaison, obwohl in diesen Winkel der tropischen Insel nach der Statistik sogar an 330 Tagen im Jahr die Sonne scheint.

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Touristen halten Sri Lanka die Treue

Kaum zu glauben, aber trotz der jüngsten, politischen Negativ-Schlagzeilen liegt Sri Lanka als Urlaubs-Paradies weiterhin im Trend. Die Gewaltausbrüche der letzten Monate jedenfalls scheinen zu keinerlei Einbruch der Besucherzahlen geführt zu haben, was nicht zuletzt darauf zurück zu führen sein dürfte, dass westliche Touristen bisher noch nie Ziel von Anschlägen oder Zwischenfällen gewesen sind. Nach der offiziellen Statistik kamen bis Ende Mai 253.136 Ausländer auf die Insel, was im Vergleich zum Vorjahres-Zeitraum einem Zuwachs von 21,5 Prozent entspricht. Darunter lassen sich mit über 30.000 Besuchern auch fast 50 Prozent mehr deutschsprachige Urlauber finden. Denn keiner der großen, bundesdeutschen Veranstalter hat seine Reisen nach Sri Lanka eingeschränkt. Ganz im Gegenteil: „Die Insel zählt sogar zu unseren Verkaufs-Rennern im aktuellen Sommerprogramm“, betont zum Beispiel Petra Hartmann vom Münchner Veranstalter „FTI – Frosch Touristik“. Besonders gut gebucht seien Ayurveda-Angebote und Rundreisen. Dass die Destination auch international weiter gefragt ist, bestätigt Hiran Coorey von „Jetwing“, das zu den führenden Reise-Agenturen im Land gehört. „Wir sind mit der guten Buchungslage zufrieden und freuen uns darüber, dass uns die Touristen nicht im Stich lassen!“. Selbst die Randgebiete der Krisen-Provinzen – wie der beliebte Yala-Nationalpark oder das legendäre Bade- und Surfer-Paradies Arugam-Bay – befinden sich weiterhin voll im Betrieb. Das Auswärtige Amt in Berlin rät derzeit nur von Reisen in die nördlichen, östlichen und südöstlichen Landesteile ab. Generell gemieden werden sollen allerdings die Tamilen-Städte Jaffna, Trincomalee und Batticaloa, die ohnehin nur über eine geringe, touristische Infrastruktur verfügen. (vk)

TAZ

Von Volker Klinkmüller

Die drei Gestalten, die da Mitte Juni von der Polizei aus dem Meer an
Sri Lankas Westküste gefischt wurden, ließen nichts Gutes erahnen. In Taucheranzügen und mit Zyanid-Kapseln ausgestattet, wie sie die Rebellen der Liberation Tigers of Tamil Eelam (LTTE) zumeist mit sich führen, hatten sie sich vermutlich für einen Selbstmord-Anschlag heran gepirscht. Vielleicht sogar auf den nur rund zehn Kilometer entfernten Flughafen der Hauptstadt Colombo – wie es schon einmal im Jahr 2001 geschehen war: Damals hatten die Tamilen in einer spektakulären Aktion etliche Flugzeuge in die Luft gesprengt und den für die Insel wichtigen Tourismus fast zum Erliegen gebracht. Doch allein schon die brutalen Attentate, Bombardements und Seegefechte der letzten Wochen, die den 2002 mit der Regierung geschlossenen Waffenstillstand zur Makulatur werden ließen, wären geeignet, den Besucherstrom in das einstige Ceylon halbwegs versiegen zu lassen. Doch genau das Gegenteil ist der Fall.

Die offizielle Besucher-Statistik weist bis Ende Mai die Einreise von 253.136 Ausländern aus, was im Vergleich zum Vorjahres-Zeitraum einem Zuwachs von 21,5 Prozent entspricht. Darunter lassen sich mit über 30.000 Besuchern überraschender Weise sogar auch fast 50 Prozent mehr deutschsprachige Urlauber finden. Die positive Bilanz dürfte sich nicht zuletzt darauf zurückführen lassen, dass die touristisch relevanten Urlaubsziele – wie die West- und Südküste mit ihren endlos langen Badestränden oder auch die wichtigsten, kulturhistorischen Sehenswürdigkeiten im Landesinneren – fast sämtlichst außerhalb des Tamilen-Gebiets liegen. Aber auch darauf, dass westliche Touristen bisher noch nie ein direktes Ziel von Anschlägen geworden sind. „Trotz aller Grausamkeit sind die Rebellen der LTTE touristenfreundlich, wie es schon in der Vergangenheit ihr modus operandi gewesen ist“, erläutert Hiran Coorey von der Reise-Agentur „Jetwing“, die zu den führenden des Landes gehört. „Wir sind mit der Buchungslage sehr zufrieden und freuen uns, dass uns die Touristen nicht im Stich lassen.“

Der positive Trend wird von deutschen Reiseveranstaltern bestätigt. „Der Ausbruch der Gewalt hat bisher keine spürbaren Auswirkungen mit sich gebracht“, betont zum Beispiel Petra Hartmann vom Münchner Veranstalter „FTI – Frosch Touristik“. „Die Insel zählt sogar zu unseren Verkaufs-Rennern im aktuellen Sommerprogramm.“ Besonders gut nachgefragt seien die Angebote für Ayurveda- und Rundreisen. Sogar der Groß-Veranstalter TUI freut sich hinsichtlich des Tropenziels Sri Lanka über Zuwächse. „Ich bin selbst erstaunt“, sagt Pressesprecherin Sylvia Einsle, „dass unsere Buchungseingänge für Sri Lanka trotz der schrecklichen Nachrichten über dem Niveau des vergangenen Jahres liegen und sogar über dem des guten Touristenjahres 2004.“ Immerhin präsentiere sich ja auch so mancher Strand heute sogar noch schöner als vor der Tsunami-Katastrophe, während die Hotels ihren Standard beim Wiederaufbau erheblich verbessert hätten.

Zu den Erklärungen für die Treue der Touristen zählt, dass sich Sri Lanka traditionell über einen großen Kreis von Wiederholern freuen kann, die das Land gut kennen – und sich nicht durch Negativ-Schlagzeilen abschrecken lassen. Doch auch die Reise-Hinweise des Auswärtigen Amtes, die trotz der seit Jahresbeginn über 700 Todesopfer relativ moderat geblieben sind, dürften dazu beitragen: Derzeit rät es lediglich von Reisen in die nördlichen, östlichen und südöstlichen Landesteile ab (www.auswaertiges-amt.de). Generell gemieden werden sollten allerdings die Tamilen-Städte Jaffna, Trincomalee und Batticaloa, die jedoch ohnehin nur über eine geringe, touristische Infrastruktur verfügen. Voll im Betrieb befinden sich die Randgebiete der Krisen-Provinzen – wie der Yala-Nationalpark als größter und beliebtester des Landes. Oder auch das entlegene Bade- und Surfer-Paradies Arugam-Bay an der zumeist von Tamilen bewohnten Ostküste: Es kann mit sagenhaften, statistischen 330 Sonnentagen pro Jahr aufwarten und braucht nun – als eines der am schlimmsten vom Tsunami betroffenen Urlaubsziele Sri Lankas – jeden einzelnen Touristen, um den gewaltigen Anstrengungen des Wiederaufbaus irgendeinen Sinn zu geben…

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Berliner Tagesspiegel

„Wie in Kriegszeiten“
In Sri Lanka wird fast täglich geschossen, berichtet der Regionalkoordinator der Welthungerhilfe – das erschwert die Arbeit vor Ort

Von Ingrid Müller
Berlin – Mit Sorge verfolgen Mitarbeiter von Hilfsorganisationen die jüngsten Entwicklungen im brüchigen Friedensprozess auf Sri Lanka. Die srilankische Luftwaffe bombardierte am Samstag den vierten Tag in Folge Stellungen der tamilischen Rebellen im Osten des Inselstaats. Bei den Angriffen wurden seit Mittwoch mindestens 13 Rebellen getötet. Am Freitag hatte Finnland erklärt, es werde aus Sicherheitsgründen seine zehn Mitarbeiter aus der Beobachtermission abziehen, die den 2002 geschlossenen Waffenstillstand überwacht.

„Eigentlich ist damit das ganze Waffenstillstandsabkommen ungültig, und es müsste ein neues geschlossen werden“, sagte Heinz Seidler, Regionalkoordinator der Deutschen Welthungerhilfe in Colombo, dem Tagesspiegel am Sonntag zu der finnischen Entscheidung. Dänemark will dem Beispiel Helsinkis folgen. Die beiden Staaten geben damit einer Forderung der Rebellenorganisation Tamilische Befreiungstiger (LTTE) nach. Die Europäische Union hatte die Tamilentiger im Mai als Terrororganisation eingestuft, daraufhin weigerten sich die Rebellen, künftig mit Vertretern aus EU-Staaten zusammenzuarbeiten, und forderten deren Abzug bis zum 1. September.

Der 60-köpfigen Beobachtermission gehörten neben Finnland und Dänemark bisher Schweden, Island und Norwegen an. Norwegen hatte in den Verhandlungen zwischen der LTTE und der vorwiegend singhalesischen Regierung in Colombo die Führungsrolle. Die Tamilen kontrollieren weite Teile im Norden und Osten der Insel und fordern für diese die Autonomie. Nach tamilischen Angaben wird der norwegische Sonderbeauftragte Jon- Hanssen Bauer zu weiteren Gesprächen erwartet.

Die Gewalt war auf Sri Lanka in den vergangenen Monaten wieder eskaliert. Erst im Juni wurde der dritthöchste Befehlshaber der srilankischen Armee bei einem Selbstmordattentat in der Hauptstadt Colombo getötet. Anfang Juli gab es einen schweren Anschlag in der Nähe von Trincomalee mit sieben Toten und 15 Verletzten. „Die Situation ähnelt wieder den Kriegszeiten“, sagte Seidler. Nahezu täglich gebe es Schießereien vor allem zwischen Militärs, LTTE und den paramilitärischen Splittergruppen der LTTE.

Wegen der politischen Spannungen mussten bereits „drei-, viermal“ die Mitarbeiter der Welthungerhilfe aus Vavuniya und Kilinochchi im Norden sowie Trincomalee im Osten nach Colombo abgezogen werden. Nicht zuletzt wegen der Zusammenarbeit mit der einheimischen Organisation Sewalanka sei die Arbeit in den Projekten für die Tsunami-Opfer immer weitergegangen, sagt Seidler. „Wir kommen ganz gut voran.“ Derzeit gebe es allerdings „rasch mal eine ganze Woche Verzögerung“, weil die mit Baumaterial beladenen Lastwagen an der Grenze zu den Tamilengebieten von der Regierung sehr streng kontrolliert würden. Diese befürchten offenbar, dass mit Stahl oder Zement Bunkeranlagen gebaut werden könnten. „Wir sind froh, dass die Fahrzeuge überhaupt fahren dürfen“, sagte Seidler.

Insgesamt beurteilt er die Lage allerdings wenig optimistisch. Die Ächtung der LTTE durch die EU habe die Arbeit für die Hilfsorganisationen schwieriger gemacht. Mehrere Organisationen hatten der EU in den vergangenen Wochen vorgeworfen, sie ergreife damit im Friedensprozess einseitig die Partei der Regierung. Bei Angriffen beider Seiten seien Zivilisten betroffen. Die Regierung in Colombo laste nun alle Zwischenfälle der LTTE an, obgleich offenkundig auch die paramilitärische Absplitterung der LTTE unter Oberst Karuna die Hände im Spiel habe, meint Welthungerhilfe-Koordinator Seidler. Er bezweifelt, dass sie nur auf eigene Rechnung arbeitet. „Man hat das Gefühl, da läuft etwas sehr Schmutziges.“ Ihn beunruhigt, dass seine Organisation, anderes als zur LTTE, zu der paramilitärischen Gruppe keinen Kontakt hat. Die Mitarbeiter hätten inzwischen sehr genaue Sicherheitsanweisungen, dazu gehöre zum Beispiel, sich von militärischen Fahrzeugen fernzuhalten.

Erst am Freitagnachmittag war die Situation rund um den Unruheherd Trincomalee wieder eskaliert. Die LTTE hat in der Region ein Wasserreservoir gesperrt, mit dem 15 000 Reisbauern auf Regierungsgebiet ihre Felder bewässern. Die Armee flog nach Regierungsangaben mehrere Angriffe. Die Tamilentiger forderten in Gesprächen mit der Beobachtermission, vor der Freigabe des Wassers müsse unter anderem ein Embargo gegen Lieferungen von Lebensmitteln und Baumaterialien ins LTTE-Gebiet aufgehoben werden. „Im Moment sieht das nicht gut aus“, sagte Seidler

Leseprobe: Der Krokodilfelsen

Autorin:
Claudia Ackermann

Ich erreichte den Mitternachts-Express gerade noch rechtzeitig, suchte mir einen Platz und sah aus dem Fenster. Ein Tourist drängte sich über den Busbahnhof. Er kam nur langsam vorwärts, denn außer seiner Reisetasche trug er noch ein großes Surfbord unter dem Arm. Rücksichtslos schob er damit die Passanten zur Seite, die ihm im Weg waren. In letzter Sekunde erreichte er den Bus, aber da schon fast alle Plätze besetzt waren und im Mittelgang Taschen und Körbe standen, weigerte sich der Fahrer, ihn mit seinem riesigen Gepäckstück einsteigen zu lassen. Der Surfer stellte einen Fuß in die Tür, die Spitze seines Bords ragte bereits ins Innere des Busses. Aggressiv und drohend redete er auf den Fahrer ein, und an seinem Akzent erkannte ich, dass er Australier war. Er war groß, bestimmt einen Kopf größer als der Fahrer. Sein Körper war muskulös und durchtrainiert, aber der Busfahrer, ein schmächtiger, hagerer Mann, ließ sich davon nicht beeindrucken. Um so lauter der Australier sprach, desto sturer wurde sein Gegenüber.
„Das Brett braucht so viel Platz, wie zwei Männer”, behauptete der Busfahrer. „Du musst drei Tickets kaufen.”
Nach langer Diskussion, die die Fahrgäste interessiert verfolgten, entschloss sich der Australier schließlich, den Preis zu bezahlen. Schimpfend wuchtete er sein Surfbrett in den Bus und kam direkt auf mich zu, denn neben mir war noch ein Platz frei.
„Die nehmen einen aus, wo sie nur können”, beschwerte er sich, als er neben mir Platz nahm.
Sein Name war Nick. Er hatte das gleiche Fahrtziel wie ich. In Sinna Ullai war er mit seinen australischen Freunden zum Surfen verabredet.
„Meine Kumpels sagten, dass dort super Wellen in einer Bucht am Strand entlang laufen”, erklärte er. „Nur deshalb fliegen sie jedes Jahr nach Sri Lanka. Als ob wir in Australien nicht auch gute Strände hätten. Sri Lanka ist ja ganz schön, und man kann hier billig Urlaub machen, wenn nur diese bescheuerten Einheimischen nicht wären.”
„Seit wann sind deine Freunde an der Ostküste?”, fragte ich ihn.
„Etwa zwei Wochen.”
Also waren doch Touristen im Dorf. Ich war erleichtert. Vielleicht waren die Soldaten längst abgezogen. Bestimmt war alles wieder ruhig und friedlich. Die Regenzeit war vorbei, eine neue Saison hatte begonnen.
Es war inzwischen dunkel geworden. Die meisten Fahrgäste hatten sich schon für die Nacht in eine möglichst bequeme Stellungen gebracht. Ich zog meinen Lungi aus der Tasche, faltete ihn zusammen wie zu einem Kissen, und benutzte ihn als Polster für meinen Kopf, den ich gegen die Fensterscheibe lehnte. Ich wollte versuchen, ein wenig zu schlafen.
Irgendwann in der Nacht wurde ich von lauten Stimmen aus dem Schlaf gerissen. Der Bus hatte angehalten, draußen war es stockdunkel. Ich konnte nichts sehen, aber ich hörte die Stimme eines Mannes, der in Befehlston irgend etwas rief. Die Fahrgäste standen auf, nahmen ihr Gepäck und drängten zum Ausgang. Ein Militärfahrzeug versperrte vor dem Bus den Weg. Verschlafen reihte ich mich in die Menschenschlange ein. Der Australier blieb gelangweilt sitzen.
„Das geht doch uns nichts an”, sagte er gähnend und versuchte weiterzuschlafen.
Die Fahrgäste stellten sich auf der dunklen Straße in einer Reihe auf und ließen die Durchsuchung über sich ergehen. Ein Soldat leuchtete mir mit einer Taschenlampe ins Gesicht. Mein Gepäck durchsuchte er nicht. Ein anderer Soldat, er war bestimmt nicht älter als 18 Jahre, betrat mit angelegtem Gewehr den Bus. Kurz darauf war ein Wortwechsel zu hören. Nicks Stimme klang aggressiv. Nur das nicht, dachte ich. Leg dich nicht mit den Soldaten an. Mehrmals forderte der junge Singhalese Nick auf, auszusteigen, aber der Australier weigerte sich stur. Die Stimmen wurden gereizter, bis der Soldat den Touristen schließlich wütend anbrüllte. Aber Nick hatte nicht vor, nachzugeben: „Fuck you, I´m …” Mitten im Satz herrschte plötzlich Schweigen. Die Soldaten auf der Straße hielten in der Durchsuchung der Fahrgäste inne. Die Einheimischen starrten auf den Eingang des Busses. Kurz darauf erschien Nick in der Tür. Er hatte die Hände hinter dem Kopf verschränkt, der Lauf des Gewehres war auf seinen Hinterkopf gerichtet.
„Go!”, schrie der Soldat Nick an und stieß ihn mit einem Fußtritt die Stufen hinunter. Der Australier stolperte und landete auf der Straße auf seinen Knien, die Hände immer noch hinter dem Kopf verschränkt. Der Uniformierte hielt Nicks Reisetasche in der Hand und kippte den Inhalt auf den Asphalt. Nick bewegte sich nicht. Schweigend hielt er den Blick zu Boden gesenkt. Für einen Moment verschwand der Soldat im Bus, dann kam er mit dem Surfbrett unter dem Arm wieder. Er zog ein Messer aus seiner Tasche und stach mehrmals auf das Bord ein. Dann warf er es in den Straßengraben. In dem Moment hob Nick den Kopf, und sofort presste der Soldat den Lauf seines Gewehres gegen die Stirn des Australiers.
Einen quälend langen Moment herrschte Todesstille. Ich hielt den Atem an. Dann hörte ich die Stimme eines anderen Soldaten. Er war älter, als sein Kamerad. Die Worte konnte ich nicht verstehen, aber der Tonfall war ruhig und gefasst. Das einzige, das ich verstehen konnte, war das Wort „Tourist”, wobei er eine abfällige Bewegung in Richtung des Australiers machte.
Nick warf mir heimlich einen Blick zu. Ich senkte den Kopf zu Boden und hoffte, er würde es genauso tun. Nervös trippelte der junge Soldat von einem Fuß auf den anderen, den Gewehrlauf immer noch auf Nicks Kopf gerichtet.
Beruhigend legte der ältere Uniformierte seinen Arm um die Schulter seines jungen Kameraden und redete beschwörend auf ihn ein. Schließlich ließ der Soldat den Gewehrlauf sinken und folgte dem älteren zu dem Militärfahrzeug. Wir wurden aufgefordert, schnell in den Bus einzusteigen.
Ich half Nick, der immer noch auf der Straße kniete, aufzustehen. Seine Hände zitterten. Widerspruchslos ließ er sich zu seinem Platz führen, ohne sich um sein Gepäck oder das Surfbrett zu kümmern, das immer noch im Straßengraben lag. Langsam fuhr der Bus an dem Militärfahrzeug vorbei.
Auf der weiteren Fahrt sprach Nick kein Wort. Er starrte auf die Rückenlehne des Sitzes vor ihm., bis wir unser Ziel an der Ostküste erreichten.

Auszug aus unserem Sri Lanka-Roman “Der Krokodilfelsen” …

Pressestimme:
Faszinierende Reise durch ein exotisches Land
Der Roman ist nicht nur eine unterhaltsame Geschichte mit tiefen Einblicken in die Traveller-Szene. Vielmehr schildert die Autorin darin auch einfühlsam, wie Einheimische (und so mancher Tourist) den Bürgerkrieg erlebten sowie kulturelle und landschaftliche Besonderheiten der Tropeninsel, von der der berühmte Ceylon-Tee kommt … Und dann ist da noch der Tamile Suriya, zu dem sie eine innige Beziehung aufgebaut hat. Der Leser wird immer mehr hineingezogen in eine spannende (Bürgerkriegs-)Geschichte, in der es um Leben und Tod geht …
(Ingrid Knack, Backnanger Kreiszeitung)

 HomePage Travel Diary

Arugambay: A new Book

Der Krokodilfelsen Sehnsucht nach Sri Lanka
So heisst ein Buch, was unter anderem auch in Arugam Bay, von 20 jahren handelt.
Wer schon mal hier war wird Leute & Plaetze wieder erkennen!
Hier der Eintrag, wie gewuenscht (aus dem Sri Lanka Board.de):

Faszinierende Reise durch ein exotisches Land

Backnang Sri Lanka das steht für Urlaub unter Palmen und Ayurveda, aber auch für Tsunami und den Jahrzehnte währenden Bürgerkrieg zwischen Singhalesen und Tamilen. Ein Jahr war BKZ-Mitarbeiterin Claudia Ackermann aus Backnang in Asien unterwegs.

In Indien, Nepal, Thailand, Malaysia und Singapur. Und Sri Lanka, wo sie mehrere Monate blieb. Jetzt veröffentlichte sie den Reiseroman “Der Krokodilfelsen Sehnsucht nach Sri Lanka”, in den sie ihre Erlebnisse und Erfahrungen aus dieser Zeit einfließen ließ.

VON INGRID KNACK

Der Roman ist nicht nur eine unterhaltsame Geschichte mit tiefen Einblicken in die Traveller-Szene. Vielmehr schildert die Autorin darin auch einfühlsam, wie Einheimische (und so mancher Tourist) den Bürgerkrieg erlebten sowie kulturelle und landschaftliche Besonderheiten der Tropeninsel, von der der berühmte Ceylon-Tee kommt. Auch die Auswirkungen des Tourismus auf den asiatischen Inselstaat im Indischen Ozean klingen an.

Es war in Köln, wo Claudia Ackermann Germanistik und Ethnologie studierte, als ihr eines Tages wieder die Notizen in die Hände fielen, die sie während ihres Aufenthalts in verschiedenen asiatischen Ländern gemacht hatte. Erinnerungen vermischten sich mit Fantasiereisen. Wie hätte diese oder jene Situation auch eine andere Wendung nehmen können? Fragen wie diese gingen ihr durch den Kopf. So entstand die Idee, einen Roman zu schreiben. Reale Vorbilder bekamen zum Teil zusätzlich Charaktereigenschaften einer anderen Person, ihr Schicksal nahm im Roman zuweilen eine andere Wendung als in Wirklichkeit, manches ist pure Fiktion. Die Ich-Erzählerin gehört nicht zu den sinnsuchenden Globetrottern, die auch fern ihrer Heimat Gefangene ihrer persönlichen Probleme sind. Ihre Begegnungen mit diesen Travellern bleiben oberflächlich. Immer sind die zwei Welten zu spüren, die dabei aufeinander treffen. Besonders plastisch schildert Ackermann dies am Beispiel Goas, dem Mitte der 50er-Jahre entdeckten Traumziel der Flower-Power-Bewegung, das damals noch nicht direkt mit dem Flugzeug zu erreichen war. Die Hauptfigur plant die Reise in den kleinen Bundesstaat an der Westküste Indiens, weil ihr Visum für Sri Lanka abgelaufen ist. Goa, wo städtisch gekleidete Inder an Sonntagen “einen Ausflug zu den nackten Weißen an Goas Stränden” machen, wo Mädels mit hennagefärbten Haaren und langen bunten Röcken und junge Männer mit verfilzten Haaren und den landestypischen Lungis, eine Art Männerrock, einfach so in den Tag hineinleben, ist aber nicht ihr Ding. Die Ich-Erzählerin schlüpft wie so oft in die Rolle der Beobachtenden. Sie wirft Schlaglichter auf die legendären Partys, bei denen Joints die Runde machen und Drogen aller Art offen gehandelt werden. Und ein Israeli, mit dem sie sich unterhält, scheint ihr aus dem Herzen zu sprechen: “Die Drogenszene hier in Goa ist nichts für mich. Eine merkwürdige Subkultur.” Die Rucksacktouristin kehrt wieder nach Sri Lanka zurück. Doch auch Touristen-Hochburgen an der Westküste Sri Lankas wie Hikkaduwa sind ihre Sache nicht. Da sitzt sie lieber mit Einheimischen wie Mr. Sirisena zusammen, der kleine Hütten vermietet und manchmal sogar über seine Familie spricht. Geschickt schneidet die Autorin so Themen wie arrangierte Ehen oder Schlepper an. Letztere sind Kinder und Jugendliche, die nur noch im Sinn haben, Touristen das Geld aus der Tasche zu ziehen. Figuren wie die betagte Witwe, um die sich niemand kümmert, machen deutlich, dass in dem Urlaubstraumland vielfach die Armut regiert, dass es dort keine soziale Absicherung gibt.

Wohl fühlt sich die Asienreisende besonders in einem kleinen Fischerdorf an der Ostküste Sri Lankas. Fernab von den klassischen Urlaubszielen lebt sie mit Suriya und seinen zwei Brüdern Pathma und Ravi zusammen. Warnungen von Mr. Sirisena, dass die Ostküste, wo zu dieser Zeit zahlreiche Tamilen, aber auch Singhalesen und Moslems leben, Krisengebiet sei, hatte sie einfach in den Wind geschlagen. Die Tamilengebiete im Norden sind inzwischen für Touristen gesperrt und in der Hauptstadt Colombo hatte es Bombenanschläge gegeben. Fast nur noch unter Einheimischen ist die Ich-Erzählerin, als der Monsun einsetzt und sie hat mit einer schweren Krankheit zu kämpfen. Und dann ist da noch der Tamile Suriya, zu dem sie eine innige Beziehung aufgebaut hat. Der Leser wird immer mehr hineingezogen in eine spannende (Bürgerkriegs-)Geschichte, in der es um Leben und Tod geht . . .

Claudia Ackermann: “Der Krokodilfelsen Sehnsucht nach Sri Lanka”, 193 Seiten, erhältlich bei www.traveldiary.de Reiseliteratur-Verlag Hamburg und im Buchhandel, ISBN 3-937274-29-4, 13.50 Euro.

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Berliner Zeitung

Die große Welle
Frank Nordhausen (Text) und Pablo Castagnola (Fotos) waren nach dem Tsunami in Sri Lanka. Jetzt haben sie das Land noch einmal besucht
Am Hafen der alten Holländerstadt Galle, dort wo es tonnenschwere Schiffe auf den Kai gedrückt hatte, wo jetzt die bunten neuen Boote liegen, sind ein paar halbnackte Männer am Betonieren. Was das wird? “Ein Haus. Wir bauen unser Haus wieder auf”, sagt ein Mann. Aber warum erst jetzt? Und was ist mit den Ruinen links und rechts?

Schwierige Sache. Hat mit der Pufferzone zu tun. Hundert Meter vom Strand sollte ja eigentlich nichts mehr gebaut werden. Aber dann waren neulich Wahlen, und Fischer sind auch Wähler, also wurde die Zone abgesenkt, bis sie wieder war wie früher. 35 Meter, oder, je nach Auffassung, Null. Also darf gebaut werden. Also können die Fischer aus dem Lager vier Kilometer landeinwärts zurückkehren ans Meer. Wenn sie wollen, und die meisten wollen wohl.

Wird auch Herr Pradheep zurückkommen, den wir damals hier kennen lernten? “Wer weiß. Er hat Angst vor dem Meer.”

Das Meer ist wunderbar blau und ruhig an diesem Tag in Galle im Süden von Sri Lanka, keine weißen Kräusel oder Kronen. Es ist freundlich. Perfekt. Pablo Castagnola, der Fotograf, sagt, guck mal, man sieht Schiffe draußen, große Schiffe. Man sieht auch Fischerboote. Vor einem Jahr fuhr niemand zum Fischen hinaus. Nicht einmal die Marine patrouillierte. Drei oder vier Monate lang wollte auch niemand Fisch essen. Man wusste nicht, was die Fische gefressen hatten da draußen im Meer.

Wir suchen nach dem alten Fischer, den Castagnola vor seinem zerstörten Haus fotografiert hatte. Sein Haus steht ein wenig zurückgesetzt, eine saubere Ruine. Die Welle hat ein Zimmer heil gelassen, die Uhr darin zeigt noch Tsunami-Zeit, 9.25 Uhr, vielleicht um Gäste zu beeindrucken. Wo früher ein Laden war, stehen jetzt Zelte und Bretterbuden. Aus den Holzhütten stürzen Kinder, halten die Hand auf. Frau Kumari kommt, Mutter von fünf Kindern, die Tochter des alten Mannes, eine schlanke Frau mit goldenen Ohrringen. Sie verjagt die Kinder, schimpft, zu viele Leute hätten sich das Betteln angewöhnt, weil es mehr bringt als zu arbeiten.

Dann kommt auch der Großvater, sie freuen sich über Castagnolas Bild, die Großmutter weint, wir fragen, wie sie jetzt leben? Ach, mehr schlecht als recht, der Vater hat kein Boot bekommen, sie wohnen nun im Lager, weitab von hier, es gab etwas Geld von Ausländern, auch von der Regierung, es hat fürs Essen gereicht und für ein Fahrrad, aber alles ist verbraucht. Der Ehemann war Tuktuk-Fahrer, er hat sein Gefährt eingebüßt und nun keine Arbeit mehr. Schwerer wiegt, dass die Großfamilie vierzehn Mitglieder verloren hat, sie haben nicht einmal Fotos der Toten, aber sie zeigen uns ein Bild der Lebenden. Ein australischer Fotograf hat die überlebenden Familien von Galle fotografiert, damit sie ein Bild haben, wenigstens eines. Und Frau Kumari geht bei einer Hilfsorganisation putzen, und ihr Bruder, dessen Frau vermisst wird, fährt wieder hinaus zum Fischen. Irgendwie kommt man über die Runden.

Wir waren schon einmal hier, vier Tage, nachdem die große Welle kam. Ein schwarzer Sumpf zwischen Palmen. Im Wasser Eisenteile. Bohlen. Ziegel. Grotesk verdreht die Gleise der Bahn. Zwischen den Palmen Waggons. Tonnenschwere Triebwagen. Tote Körper wie riesige weiße Fische. Verwesungsgeruch. Gut, die schweren Schuhe zu tragen, dachte ich. In den Waggons waren die Sitzbänke abgerissen, die Fenster zersplittert, Kabel hingen herum. Der Inhalt von Taschen hatte sich auf dem Boden verteilt. Darunter ein Tagebuch. Es erzählte von einem Mädchen aus Schweden, das vier Monate Ferien hatte und von Goa herunterkam. Ich las lange darin. Es war still, als gäbe es kein Geräusch auf der Welt, nichts außer dem Regen. Nie endendem Regen.

Ein Jahr darauf fällt wieder schwerer Regen. Als wir das Auto zwischen den Hütten parken, tönt eine Hupe wie von einem Schiff. Plötzlich taucht er auf aus dem Dschungel, der Zug, den sie die Königin des Meeres nennen. Er donnert vorbei. Dann erst nehme ich die Kinder um uns wahr und die braunen, zarten Frauen. Sie rufen, you give money, wir sind arm, wir haben nichts, du hast viel, gib uns was. Castagnola sucht das Gelände nach Motiven ab, er nimmt ein paar Kinder auf, farbige Tupfer vor rostigroten Waggons, die sie abgestellt haben zum Gedenken. Das Mahnmal für das größte Zugunglück aller Zeiten, als die Todeswelle die Bahn vom Gleis riss und in die Palmen warf und weit mehr als tausend Menschen ertränkte. Ein Massengrab, wo einmal das Dorf Peraliya war, eine Stunde entfernt von Galle.

Vor einem Jahr stand hier im Sumpf am Tag vor Silvester Anton Perera mit seinem Regenschirm. Anton Perera, 35 Jahre alt, Fachschuldozent, der nach seiner Frau Dhammiya, der fünfjährige Bagya und dem vierjährigen Bilanka suchte. Sie waren auf dem Weg vom Weihnachtsbesuch in Colombo zurück in das Dorf gewesen, in dem die Frau unterrichtete. Anton Perera hatte keine Hoffnung mehr, er wollte nur etwas finden, an das er sich halten konnte. Als wir ihn trafen, hatte er es gefunden. Einen grünen Sari seiner Frau, einen Spielzeugbären und ein rosa Hemd seiner Kinder. Er sagte, und die Tränen rannen ihm übers Gesicht, er werde nie wieder sein können wie er früher einmal war.

Die Augen von Thilak Perera sind schwarz und traurig wie die Augen seines Bruders. Er ist ein wenig jünger als Anton, hatte seinen Bruder damals auf der Suche begleitet. Er erzählt, dass Anton noch immer in China eine Fortbildung absolviert. Am Telefon müsse Anton oft weinen. Thilak sagt, dass sein Bruder in China bei Freunden Geld gesammelt habe. “Er hatte erfahren, dass einer seiner Studenten, der aus Peraliya stammte, sein Haus verloren hatte. Mit dem Geld konnte er der Familie ein neues Haus bauen.” Anton habe einfach etwas tun wollen, gegen dieses überwältigende Gefühl der Ohnmacht.

Es mag wohl sein, dass Anton Perera sich selbst einen Teil der Schuld am Tod seiner Familie gibt. Weil er in China war, als es geschah. Weil er nicht hier war, um sie zu beschützen. Oder mit ihnen zu sterben.

An einen der Waggons haben Mönche eines buddhistischen Klosters einen Aufruf geklebt. “Bürger, bettelt nicht an diesem Mahnmal, wahrt eure Würde!” Es kommen Touristen hierher, einige auch jetzt im Regen. Zum Meer hin stehen die schnell errichteten Hütten, die den Menschen vorläufig Schutz gewährten und jetzt tagsüber von den Bettlern genutzt werden. Hinter den Gleisen hat man schöne neue Häuser gebaut. Teils so nah am Bahndamm, dass die Königin des Meeres ihre Wände beim Vorbeifahren zittern lässt. Castagnola fotografiert eine junge Frau, die vor ihrem Haus, direkt neben dem Mahnmal, auf einem Plastikstuhl sitzt und sich, doch ja, genussvoll die schwarzen Haare kämmt. Andererseits, es ist vorbei, der Zug riecht nach nichts mehr, außer nach Rost und Regen.

Das neue Haus am Bahnübergang hat, so steht es auf einer Messingtafel, ein Parlamentsabgeordneter aus Colombo gestiftet. Darin wohnt Layanal Wirarathna, ein Dorfbeamter, der an diesem drückend schwülen Tag nur ein leichtes Tuch um die Hüften trägt. Wir sitzen eine Stunde unter seinem Vordach, bis der Regen nachlässt. Dem Beamten hat der Tsunami die Mutter und den Vater genommen. Das erwähnt er am Rande. Er klagt über die ungerechte Verteilung der Hilfe, sein Nachbar – sehen Sie mal rüber! – der habe viel mehr bekommen, hat jetzt ein Motorrad und einen schönen Kühlschrank und noch einiges dazu. Und die Leute vorne, dass die sich nicht schämen, sie bettelten die Touristen an, obwohl sie doch alle gut versorgt seien. Er sagt es, als schäme er sich für sie.

Aber ist es nicht unheimlich, hier zu wohnen, wo so viele Menschen starben? Layanal Wirarathna nickt. Er flüstert: “Hier sind viele Geister.” Er habe jetzt, zum Jahrestag der Katastrophe, sechs Mönche engagiert, um in seinem Haus zu beten. Ob das genug ist? Alle Nachbarn haben Mönche bestellt, um die toten Seelen zu versöhnen. Dann sagt der Mann, er habe noch keine Nacht in dem neuen Haus geschlafen. Keiner habe in seinem Haus geschlafen. “Nachts gehen alle weg.” Was, alle Leute gehen weg? “Ja, alle.”

Nachts ist die Küstenstraße, die Verbindung von der Hauptstadt in den dicht besiedelten Süden, wie leergefegt. Früher habe sich der Verkehr bis um Mitternacht gedrängt, sagt unser singalesischer Fahrer Chandrasiri Ramasinghe, den alle Raja nennen. Jetzt hätten die Menschen Angst. Ein Freund zum Beispiel nahm nachts in Peraliya einen Anhalter mit. Der Fremde setzte sich neben ihn ins Auto und sprach nicht ein Wort. Als er sich umwandte, war niemand mehr da. Ein anderer Freund musste nachts bremsen, weil plötzlich eine Prozession aus dem Palmenwald trat. Graue Gestalten, die Särge trugen. Er überholte die Gruppe, doch als er in den Rückspiegel sah, waren sie verschwunden. Raja berichtet auch von Unfällen, weil Geister aus dem Nichts auftauchten.

Es gibt dunkle Strecken auf dieser Straße. Wenn man aber die Straße nur dunkel kannte, wie sie nach dem Tsunami war, dann wirkt sie jetzt, in den neu aufgebauten Touristenorten, mit den blinkenden Neujahrsgirlanden, den neu eröffneten Läden, mit der Neonreklame, den geheimnisvollen Gebetsräumen der Muslime und Buddhisten wie eine Hymne an das Leben. Wie ein Wunder. Als ob man nur einen Schalter umlegen musste, und alles war wieder da.

In der Hunderttausend-Einwohner-Stadt Galle sind wir im Lighthouse Hotel untergebracht, das wie ein Märchenpalast auf einer Klippe thront. Wegen dieser Lage hatte das Hotel nur ein paar Wasserschäden im Erdgeschoss. Wo damals Satellitenschalen von BBC und Sky News standen, im Kies vor dem Hotel, parken nun makellos weiße Fourwheeldrives mit UN- und Rotkreuz-Aufklebern. Man serviert Barbecue bei Fackellicht. Drei weiß gekleidete dunkelhäutige Männer singen und trommeln. Die Wellen donnern an die Küste.

Am Bufett, in einer riesigen Halle von tropischer Eleganz, verlieren sich zwei oder drei Touristenpaare, dazu einige Gruppen robuster Aufbauhelfer mit ihren Bergschuhen und Baseballkappen. Eine Delegation ist auch da, eine Gruppe um Christina Rau, die Frau des früheren Bundespräsidenten, die deutsche Hilfsprojekte besucht. Am Abend, als Frau Rau durch die deutsche Seefahrtsschule im alten Galle Fort ging, hatten uns fliegende Ameisen gebissen. Raja sagt, das habe es früher nicht gegeben. Auch die anderen kleinen Insekten nicht, die plötzlich in riesigen Wolken auftreten und die sie Tsunami-Fliegen nennen.

In Colombo hatte ich den Chef der srilankischen Tourismusbehörde gefragt, wie denn die Lage so sei im Jahr eins nach dem Seebeben? Der Mann, ein teddybärhafter Berufsoptimist, erwiderte, alles entwickle sich prächtig. Man habe sogar drei Prozent mehr Gäste als im Vorjahr, weil verstärkt Inder und Singapur-Chinesen kämen. Ein wenig Sorge mache noch das Zögern der Europäer, aber andererseits – er lehnte sich zurück, ein breites Lächeln erschien auf seinem Gesicht – andererseits habe der Tsunami Sri Lanka als “potentielles Urlaubsziel” weltweit erst auf die Agenda gesetzt. “Jetzt kennt man uns sogar in Kanada.”

Die Statistik ist das eine. Die leeren Zimmer im Lighthouse sind das andere. Im gesamten Süden der Tropeninsel das gleiche Bild: Hotels und Pensionen sind höchstens zur Hälfte gebucht, die Traumstrände menschenleer, die neuen Restaurants, Bars und Souvenirläden wirken poliert wie zum Sommerschlussverkauf. Nur dass die Kunden fehlen. Die Hoteliers sprechen von Einbrüchen bis zu achtzig Prozent. Ohne die Gäste aus den Hilfsorganisationen hätten viele es nicht geschafft zu überleben.

Wir finden keine Touristen, die den Schrecken miterlebten und wiedergekommen sind. Nicht einmal jene Winterflüchtlinge, die nach dem Tsunami blieben, aus Trotz oder weil sie beim Aufräumen helfen wollten. Wie jener Herr aus Hamm bei Dortmund, der in Unawatuna einem Hotelier zur Hand ging, sein Grundstück vom Schutt zu befreien. Wer dieses Jahr nach Sri Lanka fährt, kommt aus Neugier. Oder aus Solidarität. Beim Frühstück auf der Terrasse sagt Herr Vonnahme, ein hagerer Tierarzt aus Paderborn, die Aussicht sei grandios, aber im Meer würde er nicht schwimmen. Seine Frau sagt, es ist die Strömung, die Strömung ist zu stark hier. Sie waren vor drei Jahren schon einmal auf Sri Lanka, sie sind gekommen, um Geld auszugeben und dem Land damit zu helfen. Das muss ein seltsames Gefühl sein, Ferien machen, um zu helfen. Und, haben sie keine Angst? Herr Vonnahme lacht. “Ein Absturz mit dem Flugzeug dürfte um ein Vielfaches wahrscheinlicher sein als ein neuer Tsunami”, sagt er.

Man kann es auch so sehen: es ist billig, es ist warm, und es gibt Bier. Man kann es mit den Augen der drei hochgewachsenen Jungen aus Zürich betrachten, die ihr Arbeitslosengeld in der Mambo Bar in Hikkaduwa verjubeln. Hikkaduwa, eine halbe Stunde von Galle entfernt, ist bekannt für seine hohen Wellen, die günstigen Guest Houses und die Partys. Allerdings hatten sich Simon, Dave und Christian das Land nach dem Tsunami doch ein wenig abenteuerlicher vorgestellt. Nun ist aber alles wie überall. Nicht mal Ruinen gibt es in Hikkaduwa. Dass die Küste abseits der Hotels noch immer einem Trümmerfeld gleicht, haben sie irgendwie nicht auf dem Schirm. Und dass sich das Meer plötzlich wieder zurückziehen könnte, um wie eine gewaltige Wand zurückzukehren, darüber machen sie sich wahrscheinlich auch keine Gedanken.

Andererseits sind Surfer auch nicht gerade die Kunden, auf die man in Hikkaduwa wartet. Der Souvenirladen neben der Bar führt eine unglaubliche Menge neuer Schnitz- und Batikwaren. Der Händler sagt, alles sei zerstört gewesen, aber Freunde hätten ihm Kredit gegeben. So habe er wieder starten können. Es fehlten nur kaufkräftige Touristen.

Sri Lanka, eins der weltweit ärmsten Länder, hat sich nach der Katastrophe in einem Maß selbst geholfen, das man kaum für möglich hält. Bauunternehmer aus Colombo schickten Bagger, um die Straßen zu räumen. Großhändler verteilten Wasserflaschen und Reis. Tempel, Kirchen und Moscheen nahmen die Obdachlosen auf. Die Regierung sandte Soldaten zur Reparatur von Straßen und Brücken. Am vierten Tag nach der Katastrophe trafen wir in Galle den Verkehrsminister aus Colombo, der einen Trupp Telefoningenieure begleitete. Er sagte, noch fünf Tage, dann könne man hier wieder anrufen. Er hat Recht behalten. Das war, bevor die internationale Hilfe anrollte.

“Das hier ist Sri Lanka, das ist nicht New Orleans. Wir können uns eben selbst organisieren.” So sagt es der neue Distriktsekretär für den Wiederaufbau in Galle, mit bebendem Stolz in der Stimme. Die Distriktverwaltung liegt neben dem Busbahnhof der Stadt, auf dem mehrere hundert Menschen starben, als die Welle die Wagen erfasste und wie Spielzeug herumschleuderte. Jetzt ist der Bahnhof neu, die Busse sind schöner als zuvor, es gibt wieder Schuhputzer, Losverkäufer, Lastenträger.

Der Sekretär, ein kleiner Mann mit Schnurrbart und dicker Brille, hat viel zu tun. Termine, draußen wartet ein Holländer, was der wohl will. Hier gab es einigen Ärger mit den vielen Hilfsorganisationen. Sogar Demonstrationen gegen sie. “Natürlich sind wir dankbar, aber es kamen auch viele, die nur sich selbst helfen wollten und denen die Gesetze egal waren”, sagt er. “Man kann nicht einfach irgendwo Häuser bauen oder Hilfe mit religiöser Missionierung verbinden. Sri Lanka ist ein funktionierender Staat.”

Die Zahlen kann der Sekretär auswendig aufsagen, 80 000 zerstörte Häuser im Land, 50 000 Notunterkünfte, 20 000 feste Häuser im Bau, 7 000 fertig, davon 900 in Galle. Gelistet, genehmigt, gebaut, bezogen. Gut angelegtes Spendengeld. Man hat Katastrophenschutzpläne erarbeitet und Fluchtrouten ausgeschildert. Der Sekretär drängt, danke für das Interesse, ah, die Visitenkarte, und dann auf Wiedersehen. Unten im Foyer, wo sich vor einem Jahr Reissäcke und Zelte stapelten, hat die Verwaltung Tsunami-Relikte ausgestellt: wasserverklebte Buchhaltungsakten, eine verbeulte Schreibmaschine, einen beschädigten Tresor.

Es ist nicht schwer, die Menschen zu finden, die Castagnola damals fotografierte. Die Waisenkinder im Sambodhi-Heim, die sich seit dem Tsunami selbst verwalten. Die Schneiderin, die Vater und Neffen verlor und jetzt wieder mit dem Nähen begonnen hat in der Ruine ihres Hauses – ein Bild wie vom Wiederaufbau Deutschlands. Den muslimischen Lebensmittelhändler, der den Verlust seiner Existenz beklagte. Jetzt hat er den Laden renoviert, hat die Regale gefüllt und schöne neue Kühltruhen. “Die Großhändler haben uns sehr geholfen”, sagt der Kaufmann. Sie haben Ware geliefert und die Rechnungen gestundet. Banken haben günstige Kredite gegeben, Konzerne ganze Paletten Limonade, Kekse oder Kaffee umsonst geliefert. Das Geschäft geht besser als zuvor. “Dank der Hilfsorganisationen. Die brauchen viel, und wir haben es.” Es gibt in Galle Einkaufsstraßen, die nur noch Schutt waren und jetzt wieder brummen, als wäre nichts passiert. Tsunami sei eben auch Business. “Big Business”, sagt der Händler.

Schließlich finden wir auch Rijana Abdulkader. Sie wohnt nicht mehr in Katugoda, dem muslimischen Viertel von Galle, das die Welle besonders schwer getroffen hatte. Rijana war an jenem Tag zur Vollwaisen geworden, auch ihre Geschwister hatte das Meer mit sich genommen. Nur sie, die so wunderbar schnell rennen kann, sie hat überlebt. Vor einem Jahr lebte sie bei ihren Tanten mit neun Personen in einem winzigen Lehmhaus in einer moskitoverseuchten Senke am Fluss. Jetzt bauen Hilfswerke am Fluss neue Steinhäuser, auch für diejenigen, deren Leben nicht vom Tsunami, sondern von der Armut verwüstet wurde. Rijanas Tante Farida zeigt uns ihr neues Haus, es gibt neue Betten, neue Moskitonetze, eine richtige Küche. Sie hat drei Kinder verloren, aber sie ist wieder schwanger, die funkelnden Augen spiegeln ihr Glück. Und ihr Mann hat Arbeit. Zukunft.

Farida besaß auch ein Grundstück, um darauf zu bauen. Ihre Schwester Soban jedoch, der die Welle den Mann und einen Sohn nahm, jene Schwester, die auch Rijana bei sich beherbergte, sie hat nichts als ein Zelt. Ihr Haus stand am Kai auf einem Stück Land, das ihr nicht gehörte. Soban weiß nicht, was aus ihr werden soll. Ihr Schwager will sie nicht im neuen Haus haben. Daher hat sie auch Rijana, die Waise weggegeben.

Wir finden das dreizehnjährige Mädchen im Hinterland, gut eine Stunde entfernt. Sie lebt dort, wo es keinen Tsunami gab, aber auch keine internationale Hilfe. Sie lebt im Arabischen Mädcheninternat Baithul Hitema. Das Internat ist ein stiller Ort hinter einer hohen Mauer, die 52 Mädchen dürfen es nicht ohne Begleitung verlassen. Sie lernen Englisch, Mathematik und Arabisch. Das Haus ist sauber und gut geführt, aber arm. Die Lehrerinnen, junge Frauen mit Kopftuch, die ein wenig schüchtern sind, sagen, leider könnten sie den Kindern nur Reis, Brot und Curry bieten. Manchmal Huhn. Es wäre gut, wenn es auch mal etwas anderes gäbe.

Und Rijana, die für uns ihre Schuluniform angezogen hat, einen lila Umhang, der nur ihr schönes dunkles Gesicht frei lässt, Rijana redet noch immer kaum ein Wort, und wenn, dann sehr leise. Sie sei gern hier. Sie lerne gern Sprachen und den Heiligen Koran. Sie möchte Arabischlehrerin werden, sagt sie. Als Rijana wieder gegangen ist, sagt die Lehrerin, eigentlich bräuchte das Mädchen psychologische Hilfe. “Manchmal ist sie irgendwo ganz woanders. Manchmal fängt sie im Unterricht an zu zittern. Aber es wird besser. Die Gruppe tut ihr gut. Die Angst lässt nach.”

Dann fahren wir nach Osten. Je weiter wir kommen, desto mehr verlassene Ruinen säumen die Straße. Manche Küstenstreifen sehen noch immer aus wie ein Katastrophengebiet. Und doch, die internationale Hilfe kam zwar später, aber sie kommt auch hier an. Wir besuchen Projekte des deutschen Technischen Hilfswerks, der Gesellschaft für Technische Zusammenarbeit, der kleinen, effektiven Hilfsorganisationen Arche Nova aus Dresden und Help aus Bonn. Wir sehen, wie neue Häuser entstehen, wie Brunnen gebohrt, wie komplette Krankenhäuser aufgebaut werden. Auch die Natur erholt sich. Der Reis gedeiht wieder. Vielerorts werden Buhnen angelegt zum Schutz vor neuen Riesenwellen.

Auf dem Weg zur weltberühmten Surfer-Bucht Arugam Bay müssen wir das Hinterland durchqueren, den Dschungel, die Savanne, in der wilde Elefanten leben, Rückzugsgebiet der tamilischen Rebellenbewegung Liberation Tigers of Tamil Eelam. Auch hier, weitab der Küste, gibt es Ruinenfelder. Mehr als 35 000 Menschen tötete das Meer, aber rund 65 000 Menschen verloren ihr Leben im Konflikt zwischen Tamilen und Singalesen. Mit Sandsäcken und Stacheldraht gesicherte Forts des srilankischen Militärs entlang der Straße lassen ahnen, wie brüchig der Waffenstillstand ist. Nach dem Tsunami hatten die Feinde einige Zeit zusammengearbeitet, sich dann aber – unter anderem wegen der Verteilung der Hilfsgelder – wieder heillos zerstritten. Seit ein singalesischer Nationalist im November die Wahlen gewann, wird im Osten und Norden Sri Lankas wieder geschossen. Neue Kombattanten sind aufgetaucht, muslimische Gruppen, die gegen die Tamilen kämpfen. Jeden Tag sterben Menschen. “Wir haben weder Krieg noch Frieden”, sagen die Leute. Die Chance, nach der Katastrophe dauerhaft Frieden zu schließen, wurde nicht genutzt.

Wir haben unseren Kleinbus mit Aufklebern deutscher Hilfsorganisationen kenntlich gemacht. Ausländer sind bisher nicht angegriffen worden. Vor Arugam Bay passieren wir einen waffenstarrenden Checkpoint, dann geht es über die neue Behelfsbrücke in das Surfer-Paradies, wo im Sommer bereits wieder ein internationaler Wettbewerb stattfand. Arugam Bay liegt auf einer Landzunge zwischen dem Meer und einer Lagune. Das Fischerdorf mit seinen kleinen Pensionen und Bars wurde regelrecht zerschmettert. Über 400 Menschen, ein Zehntel der Bewohner, starben.

Damals gab es in Arugam Bay nur noch ein intaktes Haus, das Siam View Hotel, Treffpunkt der Ausharrenden und der Hilfswerker, das wie ein Leuchtturm der Flut getrotzt hatte. Die Hälfte des Gebäudes hatte die Welle zwar weggerissen, aber die Bar im ersten Stock hatte gehalten. Sämtliche Gäste, die meisten hatten bis zum Morgen die Full Moon Party gefeiert, konnten sich dorthin retten und bei einem Glas Gin das angstmachende Schauspiel beobachten. Im Siam View Hotel gab es in den Tagen nach dem Tsunami Essen für alle umsonst und sogar kaltes Bier vom Fass. Der Hotelier Fred Netzband-Miller, deutsch-englischer Bauingenieur und Abenteurer, der neun Kinder auf dem Erdball hat, leistete Nothilfe im Dorf, bis die ersten professionellen Helfer am Silvestertag eintrafen.

Netzband-Miller hat sein gesamtes Geld in ein Tsunami-Warnsystem investiert, er ist fast pleite, führt das Siam View Hotel mit Restaurant und Biergarten aber noch immer. Der 55-jährige hat sogar seine Beach Bar neu aufgebaut, er hat auch den Rohbau des Haupthauses fertig. Die Saison war letztlich besser als befürchtet, die vielen Mitarbeiter der Hilfsorganisationen müssen auch Bier trinken, ein paar Surfer sind gekommen, “die lassen sich von Krieg und Tsunami nicht abhalten, die reiten auf der Welle, auch wenn am Strand Bomben einschlagen”. Netzband-Miller trinkt einen Kaffee und blickt hinüber zum Meer. Angst habe er jedenfalls nicht, sagt er, sein Haus sei jetzt Tsunami-sicher.

Er kann aber Geschichten erzählen, die man sonst nicht zu hören bekommt. Wie die Hilfsorganisationen das Dorf geradezu überrannten und gar nicht mehr wussten, wohin mit dem Geld. Wie das französische Rote Kreuz ihn verklagte, weil er gewagt hatte, dessen ineffektive Arbeit auf seiner Webseite zu kritisieren. Er erzählt, dass deutsche Spender Geld für eine Schule schickten, die der italienische Staat längst aufbaute und das Geld werweißwohin verschwand. Wie eigentlich nur eine einzige kleine Hilfsorganisation, Demira aus München, das ganze Jahr über in Arugam Bay aushielt und die Menschen noch versorgte, als die Franzosen längst wieder weg waren. Ausgerechnet Demira, denke ich, eine Gruppe von Ärzten, die uns damals überaus kopflos und chaotisch erschienen war.

Der Hotelveteran ist nicht der einzige, der an die Zukunft von Arugam Bay glaubt. Die Hälfte aller Pensionen wurde wieder aufgebaut. Dean‘s Beach Hotel. Die Hillton Cabanas. Der Aloha Surf Shop. Nur die Straße selbst, sie ist im gleichen lausigen Zustand wie vor einem Jahr. Wie im übrigen fast alle Straßen im Osten, was damit zusammenhängt, dass nach Osten die tamilische Bevölkerung – und die Anzahl der Militärposten – stetig zunimmt.

Auch das Dorf Komari, wie Arugam Bay zwischen das Meer und eine Lagune geklemmt, bot vor einem Jahr ein apokalyptisches Bild. Stromleitungen blockierten die Straße, mehr als tausend Häuser waren aus dem Sand gerissen worden, der Sand wehte weiß über den Asphalt, an verdorrten Palmen hingen aufgefädelte Tonbänder und herrenlose Kleidungsstücke, nur ein hinduistischer Tempel hatte dem Wasser standgehalten. Die Überlebenden aus Komari sammelten sich auf einer Anhöhe, einige irrten durch den Sumpf, es gab keine funktionierenden Verbindungen zum Hinterland wie etwa in Galle. Ihre Rettung war die christliche Hilfsorganisation World Vision, die das Gebiet gut kannte und schon vor dem Tsunami hier Bürgerkriegsflüchtlingen half. So konnten schnell Zeltlager eingerichtet, Wasseraufbereitungsanlagen und Essen organisiert werden. Das finnische Rote Kreuz, ebenfalls schon lange im Osten der Insel engagiert, baute eine Feldklinik auf. World Vision ist immer noch da, die Weltbank und andere Organisationen sind hinzugekommen. Und Komari, das so verheerend getroffene Komari, wächst aus den Ruinen schöner als es wohl jemals war.

Hier trafen wir vor einem Jahr den Dorflehrer Hetti Hera Chandrasiri, der mir wie ein lebendes Symbol der Verständigung erschien: er Singalese und Buddhist, seine Frau Tamilin und Hindu. Er konnte mit der Frau und den beiden Kindern flüchten, als die Welle heranraste, aber seine Mutter hat sie nicht überlebt. Er räumte damals in einem Schutthaufen herum, der einmal sein Haus gewesen war. Ziellos. Traumatisiert. Er sagte, es sei schwer daran zu glauben, dass in Komari jemals wieder Menschen leben könnten. Aber er wollte trotzdem bleiben.

Noch leben in Komari viele Menschen in Zelten, aber wir sehen auch hunderte neuer Häuser, Wäsche flattert auf den Leinen, die Fischer haben neue Katamarane. Wir fragen nach Herrn Chandrasiri, es ist ein bisschen schwierig, weil die Leute Tamilen sind und kaum einer Englisch versteht. Da kommt er plötzlich angerattert auf einem hübschen roten Moped. Herr Chandrasiri macht den Eindruck, als gehe es ihm gut, trotz allem. Er zeigt auf ein Gebäude, sagt, das sei die neue Schule, die Schüler hätten selbst mitgebaut, und schon in einem Monat, da werde dort unterrichtet. Oh ja, sagt er, “wir lernen aus dem Unglück, wir werden uns wappnen.” Nur die Lage des Ortes könne man leider nicht ändern. Manchmal rennen alle plötzlich in Panik auf die Anhöhe. Herr Chandrasiri ist der Ansicht, dass jederzeit wieder ein Tsunami kommen kann. Aber er lächelt.

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Foto: Der Fischer und sein Fang Drei Monate lang haben die Fischer von Galle die Netze nicht ausgeworfen. Weil niemand mehr Fisch essen wollte. Jetzt fahren sie wieder hinaus aufs Meer. Und der Fang ist besser als zuvor.

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Foto: Die Fischer und das Meer Um den Katamaran vom Strand zu wuchten, brauchen sie jeden Mann. Nicht jeder hat ein neues Boot bekommen, aber Arbeit ist für die meisten da.

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Foto: Das Paar und das alte Lehmhaus Weil diese armen Reisbauern neben einer neuen Siedlung für geschädigte Fischer wohnen, bekommen auch sie ein schönes Steinhaus.

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Foto: Der Junge und das Wasser Nihal freut sich, dass wieder sauberes Wasser aus dem Brunnen kommt. Über 200 solcher Brunnen hat ein Dresdner Hilfswerk in Batticaloa gebohrt.

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Foto: Das Waisenkind Rijana Abdulkader verlor Eltern und Geschwister. Eine reiche Muslimin bezahlt ihr Internat.

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Foto: Der Junge und die Ruine Bei Batticaloa spielen Kinder in zerstörten Häusern. Im Osten Sri Lankas gleichen die Strände noch immer Schuttfeldern, Straßen und Brücken sind oft nur notdürftig geflickt. Es kommt wenig Geld aus Colombo. Weil der Osten Tamilengebiet ist. Die Frau am Mahnmal In Peraliya, wo die Todeswelle einen vollbesetzten Zug von den Gleisen riss und mehr als tausend Menschen starben, wurden drei der Waggons als Tsunami-Denkmal aufgestellt. Die Bahn fährt wieder. Die Überlebenden des Dorfs sind zurückgekehrt.

 HomePage Berliner Zeitung

ZDF & DEMIRA


Ein Herz für Kinder

Hilfe für Arugam-Bay
DEMIRA – Deutsche Minen Raeumer e.V. wurden aus Arugam Bay um Hilfe gebeten

So brachen denn kurz darauf zwei Mitglieder des Vereins nach Sri Lanka auf, um in der Region Arugam-Bay im Osten der Insel eine medizinische Versorgung mitaufzubauen. Von den 5000 Menschen, die dort lebten, wurden über 900 durch den Tsunami getötet, viele weitere waren verletzt.

Mit Hilfe privater Spenden bauten die Mitglieder von “Demira” in Sri Lanka ein Zeltkrankenhaus auf, das von freiwillig arbeitenden Ärzten und Pflegekräften betrieben wurde. Aus dem Notbehelf wurde eine feste Institution: Auf Wunsch des Gesundheitsministeriums von Sri Lanka beschlossen die Helfer von “Demira”, ihre Arbeit langfristig fortzusetzen und eine dauerhafte Krankenstation einzurichten. Als Partner des Projekts wurde “Ein Herz für Kinder” gewonnen. Am 30. November 2005 konnte das Krankenhaus feierlich eröffnet werden.

Arbeit ist noch nicht getan
Doch die Arbeit ist noch nicht getan. Neben der medizinischen Versorgung kümmern sich die Helfer, zu denen unter anderem auch der “Malteser Hilfsdienst” und das “Hilfswerk für Menschen in Not” gehören, auch um die Erneuerung der zerstörten Infrastruktur: Räume werden wiederhergestellt, Gundstücke besorgt und Gebäude errichtet. Auch Schulbücher und Schulmöbel für die zumeist traumatisierten Kinder werden besorgt.

Und die Arbeit der Deutschen fällt auf fruchtbaren Boden: “Ich möchte Arzt werden”, steht für den elfjährigen Dirasun heute schon fest, der durch den Tsunami seinen Vater und drei weitere Angehörige verlor und nun im Waisenhaus lebt. Der Grund: “Ich möchte anderen Menschen so helfen, wie mir geholfen wurde.”

 HomePage ZDF (German 2nd TV)

Wiener Zeitung

Von Christine Zeiner

Aufzählung Teespenden für Teeproduzenten
Aufzählung Lokale Traditionen oft übergangen.

Wien/Banda Aceh/Arugam Bay. “Fotografiere Kinder”, bat die Hilfsorganisation Helmut Lukas, Professor für Sozialanthropologie an der Österreichischen Akademie der Wissenschaften, bevor er in die Tsunamiregion Aceh reiste.

Bilder von Kindern in Katastrophenregionen erregen Mitleid. Mitleid bringt Spenden. Die Hilfsorganisationen – meist NGOs (Non Governmental Organisations) – hatten nur kurz Zeit: Katastrophen, selbst jene im Ausmaß, wie sie der Tsunami brachte, verlieren rasch ihren Schrecken – zumindest bei jenen, die nicht unmittelbar betroffen sind. “In Aceh war wirklich alles zerstört”, sagt Lukas. “Wenn von einem Dorf, in dem 500 Menschen wohnten, nur 150 überleben, wird Hilfe gebraucht.” Sofortmaßnahmen retteten tausende Leben. Spenden aus der ganzen Welt gab es reichlich. Allein die “Nachbar in Not”-Aktion brachte 32 Millionen Euro. Hilfe kam – doch auch solche, die niemand wollte.

Kurze Zeit nach der Katastrophe lagerten etwa auf Sri Lanka Winterjacken. Die Durchschnittstemperatur betrug dort 28 Grad. Das Land, das zu den größten Teeproduzenten gehört, erhielt – Tee. Manche schickten Klopapier für die Bewohner, die für diese Hygiene Wasser verwenden.

In Bukit Barisam, einer Gebirgsregion auf Westsumatra, wurden Wasseraufbereitungsanlagen aufgestellt. Die Gegend zählt zu jenen Regionen der Welt, wo es die meisten Niederschläge gibt. Am kostengünstigsten wäre es gewesen, auf den nächsten Regen zu warten. Doch Experten und die Bewohner wurden nicht gefragt.

Helfer müssten über die Kultur und Traditionen betroffener Gebiete Bescheid wissen, kritisiert Lukas die oft unüberlegten Taten mancher Institutionen und Organisationen.
Helfen um jeden Preis

Die Helfer wollten helfen – und die Preise stiegen: Ausländische Helfer bezahlten das Doppelte bis Zwanzigfache für Lebensmittel und Baumaterialien. Das wirkte sich auch auf die Preise für Einheimische aus.

Dutzende Hilfsorganisationen brachten ihre Spendengelder in die betroffenen Gebiete, und jede der NGOs kam mit anderen Zielen und Regeln. “Wer von sieben NGOs abgewiesen wurde, bekam von der achten Unterstützung”, sagt Christoph Weismayer, Soziologe und Sri-Lanka-Experte.

Aus dem einst ruhigen Fischerdorf Arugam Bay auf Sri Lanka ist ein aufstrebender Tourismusort geworden. Heute herrscht dort Neid und Misstrauen. “Man schaut, was der Nachbar bekommen hat, wie sein Haus heute aussieht”, berichtet Weismayer.

In einem Papier, das Professor Lukas für eine Hilfsorganisation erarbeitete, stellte er die Frage, ob jemand, der vor der Katastrophe kein Haus hatte, nun eine feste Bleibe bekommen soll. Und weiter: “Was unternehmen wir, wenn Besitzer großer Boote ihre Boote ersetzt bekommen, während den Besitzern kleiner Boote auch nur kleine Boote ersetzt werden?”

Der Fischer Noor Salin Hanees berichtete der “Frankfurter Allgemeinen Zeitung”, dass es in seiner Region vor dem Tsunami 80 Boote gab. “Als wir hörten, die Ausländer bezahlen uns neue Schiffe, wurden 500 Anträge gestellt. Nun gibt es 160 Boote. Bald wird der Fisch in unserer Bucht knapp werden.”

Manche Hilfsorganisationen sind sich solcher Probleme bewusst. Oft werden aber in der Annahme, Gutes zu tun, lokale Gewohnheiten und Traditionen übergangen. “Es sollte hinterfragt werden, wer bestimmt, was mit dem Geld passiert: NGOs, Regierungen, Verwaltungsbeamte, Dorfälteste?”, meint Lukas.
Aufbau des Tourismus

“Die Regierung in Colombo hat in der Spendenflut vor allem die Chance gesehen, die Infrastruktur des Landes zu modernisieren und den Tourismussektor aufzubauen”, schreibt die “Neue Zürcher Zeitung”. In Orten, die sich nicht für den Tourismus eignen, stehen noch immer Notunterkünfte. In den Tsunamiregionen lebt heute erst ein Fünftel der 1,8 Millionen Obdachlosen wieder in festen Häusern.

Dabei hat der Tourismus zum Ausmaß der Katastrophe beigetragen. Noch vor wenigen Jahren waren Korallenriffe und Mangrovenwälder in Südostasien natürliche Schutzwalle, die die Wucht von Flutwellen bremsten. Sie wichen unter anderem Shrimpsfarmen und Touristenstränden.

Tatsachen wie diese spielen beim Werben um Spenden kaum eine Rolle. Diesen Mangel an wirklicher Auseinandersetzung kritisiert der mexikanische Intellektuelle Gustavo Esteva. Katastrophen und Tragödien müssten in der Öffentlichkeit anders als durch Appelle ans Mitleid zum Thema gemacht werden.

 HomePage Wiener Zeitung, Austria

Schwieriger Neustart

Die Tourismus-Industrie Sri Lankas hat die Folgen des Tsunamis noch immer nicht verkraftet

von Claudia Piuntek

Colombo – Ranjith Seneviratna schlängelt sich mit einem vollen Tablett an den Tischen vorbei. Der Besitzer des kleinen Strandrestaurants in Hikkaduwa serviert seinen Gästen frische Fruchtsäfte und eisgekühltes Bier. Eigentlich dürfte es “Ranjith‘s Beach Hut” gar nicht mehr geben. Vor einem Jahr hatte der Tsunami im Südwesten Sri Lankas nur Trümmer hinterlassen, und die beliebte Strandbar liegt innerhalb der 100-Meter-Bannzone, die danach nicht mehr bebaut werden durfte. Doch schon zwei Wochen nach dem Unglück begann Ranjith Seneviratna mit dem Wiederaufbau. Er nutzte das große Durcheinander und ließ schnell ein neues Gebäude hochziehen, bevor die Behörden die Schäden überhaupt nur erfassen konnten. Bereits Ende Februar empfing das wiederaufgebaute Restaurant die ersten Gäste.

Als Reaktion auf die vielen Toten und die Zerstörung entlang der Küste brachte Sri Lankas Regierung zu Jahresbeginn die “Küstenerhaltungszone” wieder ins Gespräch. Das Gesetz aus den 80er Jahren erlaubt den Behörden, Bauverbote zu erlassen. Neu definiert wurde lediglich der Mindestabstand zum Meer: 100 Meter in den Haupttourismusgebieten im Südwesten, 200 bis 300 in den Tamilengebieten im Osten und Norden. Nach offizieller Darstellung dient die “Küstenerhaltungszone” dem Schutz der Bevölkerung. Die Hilfsorganisation Medico International jedoch sprach von einer zweiten Vertreibungswelle und vermutete, daß die Behörden die Gelegenheit nutzten, um der Fischereiindustrie und dem internationalen Tourismus den Weg zu ebnen. Auch sind die touristisch erschlossenen Gebiete im Westen und Südwesten so dicht besiedelt, daß Obdachlosgewordene weit ins Landesinnere hätten umziehen müssen. Und dahin verirren sich keine Touristen. Die wollen, wie Ranjith Seneviratna weiß, “am Meer sitzen und nicht im Inland”.
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Große Hotels allerdings erhielten Genehmigungen für den Wiederaufbau und sogar für Neubauten innerhalb der Bannzone. Kein Wunder, denn das Fremdenverkehrsamt Sri Lankas sieht die Zukunft weniger im Individual- als vielmehr im Luxustourismus und fördert gezielt die Ansiedlung internationaler Hotelketten. Das Land hat Großes vor, will sich als “Reiseziel der Weltklasse” etablieren. Wer Sri Lanka und seine fehlende Infrastruktur kennt, wundert sich über derartige Ziele.

Anfang des Jahres legte die Regierung ein 8,5 Mio. Euro teures Marketingprogramm auf, um den Reisemarkt anzukurbeln, und verweist nun auf Statistiken, die für die ersten neun Monate 2005 eine Zunahme der Besucher von acht Prozent gegenüber dem Vorjahr ermittelt haben. Das Problem: Zum einen wurden nicht die Übernachtungen, sondern die Einreisen gezählt, alle Mitarbeiter von Hilfsorganisationen und Privathelfer inklusive. Zum anderen bleiben vor allem Besucher aus den bisherigen Kernmärkten in Westeuropa aus. In ihrem Trendbarometer vom November stuft die Zeitschrift “Touristik Report” Sri Lanka als größten Verlierer der Wintersaison ein: 18 der 20 wichtigsten deutschen Reiseveranstalter melden ein Minus von bis zu 70 Prozent. Eine katastrophale Entwicklung für die 600 000 Menschen, die hier vom Tourismus leben.

Wie Ranjith Seneviratna mit seiner gleichnamigen Strandbar. Immerhin haben die vielen Betroffenen wie er mit ihren Protesten erreicht, daß die “Küstenerhaltungszone” zumindest inoffiziell vom Tisch ist. All die kleineren, innerhalb der Bannzone illegal aufgebauten Betriebe laufen angesichts von Willkür, Korruption und instabiler politischer Lage jedoch Gefahr, ihre neu errichteten Gebäude wieder abreißen zu müssen.
Schwieriger Neustart (2)

Staatliche Banken taten ein Übriges, den Wiederaufbau zu behindern. Tsunami-Opfer, die ihr zerstörtes Eigentum auf Basis alter Baugenehmigungen innerhalb der Bannzone aufbauen wollten, bekamen keine Kredite. In den Genuß der nach der Katastrophe in Aussicht gestellten günstigen Darlehen kamen nur Unternehmer mit guten Kontakten zu Privatbanken.

Ein Mann mit guten Kontakten ist Ananda Jayadewa, Besitzer des “Paradise Beach Club” in dem kleinen Touristenort Mirissa an der Südspitze der Insel. Nachdem die Riesenwelle das Hotel verschluckt hatte, bangte er monatelang um die Erlaubnis, die Anlage direkt am Strand wieder aufbauen zu dürfen. Während dieser Zeit produzierten Jayadewa und seine Angestellten Zementsteine für ein großes Hilfsprojekt. Die Geduld wurde belohnt: Jayadewa bekam die Baugenehmigung und einen günstigen 430 000-Euro-Kredit von einer Privatbank. Ein Jahr nach dem Seebeben ist der Wiederaufbau im Gange, die Zementsteine werden mittlerweile fürs Restaurant und für neue Strand-Bungalows verwendet. “Ich hoffe, daß wir im Juli, zu Beginn der Sommerferien in Europa, eröffnen können”, sagt der Hoteleigner.

Weniger optimistisch ist Fred Netzband-Miller vom “Siam View Hotel” in Arugam Bay. 156 Gäste befanden sich am 26. Dezember letzten Jahres im Hotel des Deutsch-Engländers. Weil der Gärtner die Flutwelle kommen sah, konnten sich die Gäste in Sicherheit bringen. Aber mehr als 400 Menschen, ein Zehntel der Bewohner, starben in Arugam Bay. Um den Wiederaufbau seines Hotels konnte sich Netzband-Miller zunächst gar nicht kümmern. Er wurde als Lebensretter und Versorger gebraucht: “Arugam Bay war tagelang von der Außenwelt abgeschnitten. Die erste Hilfsorganisation traf hier am Silvestertag ein. Wir mußten zunächst Nothilfe für die Überlebenden leisten”, erinnert sich der in Afrika aufgewachsene Hotelier. Da auch später nur wenig Hilfe in dem stark zerstörten Surferort ankam, steckte er seine gesamten Rücklagen sowie alle Privatspenden der Gäste und Freunde in die Notversorgung der Bevölkerung. Sein provisorisch eingerichtetes Restaurant betrieb er nach dem Solidarprinzip: Ausländische Helfer und Gäste zahlten nach Ermessen, Einheimische wurden umsonst versorgt.

Obwohl ihm die Flut einen Schaden von 400 000 Euro hinterlassen hatte, investierte Netzband-Miller seine letzten Ersparnisse in ein Tsunami-Frühwarnsystem für die Bevölkerung. Jetzt ist er pleite, der Wiederaufbau des “Siam View Hotels” geht nur schleppend voran. Den günstigen Kredit, den die Regierung allen Tsunami-Opfern versprochen hatte, bekam auch Netzband-Miller nicht. Er hatte den Antrag bei seiner Hausbank, der staatlichen Bank of Ceylon, gestellt, die doch eben keine Bauvorhaben in der Bannzone finanziert. Die rettende Alternative, eine Privatbank, aber gibt es nicht in der strukturschwachen Region.

Entlang der Ostküste richtete der Tsunami die größten Schäden an. Das “Shahira Hotel” in Nilaveli etwa wurde von der Welle schwer zerstört. Manager Mohammad Sadiq wäre in einem der Hotelzimmer ertrunken, wenn die steigenden Wassermassen nicht die Tür aus den Angeln gerissen und ihn hinausgespült hätten. Sadiqs Arbeitgeber hatte zwar eine Gebäudeversicherung, diese zahlte aber nicht, weil laut Police zwar Flutschäden versichert waren, das Wort “Tsunami” aber nicht vorkam. Auf den Kreditantrag des Eigentümers hat die Staatsbank nie reagiert. “Dabei liegt das Hotel außerhalb der 200-Meter-Zone”, sagt der Hotelmanager. Inzwischen hat sein Chef mit privaten Rücklagen und einem kleinen Kredit bei einer Privatbank einen Teil der Zerstörungen beheben können. Und die Hotelcrew hofft, daß die Gäste bald nach Nilaveli zurückkehren.

Schwieriger Neustart (3)

Regierungshilfen oder Staatskredite hat auch Strandbar-Betreiber Ranjith Seneviratna aus Hikkaduwa nicht erhalten. Dafür aber private Spenden von befreundeten Touristen. Er hat das Bauverbot einfach ignoriert und schnell alles Geld in den Wiederaufbau gesteckt. Eine lohnende Entscheidung: “Ranjith‘s Beach Hut” entwickelte sich zum Treffpunkt der Helfer aus aller Welt, die in der Umgebung Wohncamps und Behelfsschulen errichteten.

Inzwischen herrscht im Südwesten der Insel fast wieder Normalität. In dem kleinen Strandrestaurant erinnert nur noch ein Foto, das ein Frühstücksgast von der herannahenden Welle gemacht hatte, an die große Katastrophe. Seneviratnas Kunden sind zurückgekehrt, um den Blick auf das Meer zu genießen. Und um zu vergessen, was sie hier vor einem Jahr erlebt haben.
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Artikel erschienen am Fr, 30. Dezember 2005

 HomePage Die Welt Zeitung

Die Welle ist noch nicht verebbt

von VOLKER KLINKMÜLLER

Es gibt immer wieder Menschen, die ihrer Zeit voraus sind. Wie den Briten Lee Blackmore, der sein Hotel in der Arugam Bay schon 1999 “Tsunami” benannt hat. Damals wussten die meisten noch gar nicht, was das überhaupt ist. Oder auch der Gärtner des weiter hinten am Strand gelegenen Siam View Hotels: Am Morgen des 26. Dezember hatte sich der alte Mann gegen 8.45 Uhr erdreistet, hartnäckig alle Hotelgäste zu wecken, was angesichts der vorangegangenen, feuchtfröhlichen Weihnachtsparty kein besonders leichtes Unterfangen war. Doch der alte Mann hatte das an jenem Tag irgendwie merkwürdige Meer beobachtet. Er war überzeugt, dass großes Unheil nahte. Dies ließ dann mit bis zu 15 Meter hohen Flutwellen auch nicht mehr lange auf sich warten. Dank der Vorwarnung überlebten alle 165 Gäste, doch ringsherum gab es massenhaft Tote und Verletzte und nur noch eine einzige Trümmerwüste – wie fast an der gesamten Ostküste, die auf Sri Lanka am schlimmsten von der Naturkatastrophe betroffen war. Kaum zu glauben, dass es hier heute schon wieder Urlauber gibt.

Sie wohnen in den wieder hergerichteten Resten der Bungalowanlagen. Nicht wenige sind durch eine Mauer oder einen Sichtschutz von der umgebenden, bedrückenden Tristesse aus zerborstenen Mauern, Kloschüsseln und Palmen abgegrenzt. Und vielleicht wissen die meisten Gäste sogar, dass sie hier mitten auf einem Leichenfeld urlauben. Denn damals, als die Eile es geboten hatte, wurden viele Todesopfer ganz einfach direkt dort bestattet, wo man sie gefunden hatte. Aber die Besucher dieses Surferparadieses waren schon immer eine besonders hartgesottene Spezies, haben sich nicht einmal durch den Bürgerkrieg und die – in jüngster Zeit erneut angespannte – politische Lage vom Besuch der Region abhalten lassen. Und schließlich gibt es Zeichen der Hoffnung: das beste, erste und einzige Resort mit einem Swimmingpool hat schon wieder eröffnet. Und direkt am Strand ist aus Naturmaterialien eine ganze neue Generation zweigeschossiger Restaurants entstanden, die mit aller Gemütlichkeit, hübschem Meeresblick oder sogar einem Joint locken. Auch der erste internationale Surfwettbewerb ist hier wieder ausgetragen worden.

Verglichen mit den Fortschritten an der Westküste, wirkt dieser Neubeginn an der Ostküste eher bescheiden. Denn hier hat sich die touristische Infrastruktur schon prächtig von den Folgen des Tsunami erholt, obwohl die strandnahen Unterkünfte ganz unterschiedlich betroffen waren. Viele hatten einfach nur Glück, weil sie wie das legendäre Kolonialhotel “Mount Lavinia” im gleichnamigen Badeort auf einem Felsen erhöht schon immer über der tosenden See thronten. Andere wiederum blieben völlig verschont, weil die Fluten in eigenartigen Verwirbelungen die Küste entlangschwappten, so dass die eine Bucht schwer verwüstet wurde, während die benachbarte ohne Schäden davonkam. Auch gab es Schicksale wie das des gediegenen “Kani Lanka & Spa”-Resorts bei Kalutara. Das große, innovative Designerhotel hatte erst 48 Stunden vor dem Tsunami eröffnet und war schwer verwüstet worden. Nun empfängt es wieder Gäste, ohne dass auch nur der geringste durch die Naturkatastrophe entstandene Schaden zu sehen wäre.

Überhaupt sind bis hinunter in den Süden fast alle Hotels, Pensionen und Restaurants längst zum Normalbetrieb zurückgekehrt. Die großen, vor allem am traumhaft schönen Palmenstrand von Bentota konzentrierten Pauschalhotels haben ihre Gartenanlagen weitestgehend entsalzen. Die Beseitigung der Tsunami-Schäden wurde meist für eine verlockende Aufwertung ihrer Bungalows, Zimmer oder Suiten genutzt, was zum Teil sogar schon mit Belegungsquoten bis zu 70 Prozent belohnt wird. Die Preise sind nach dem Tsunami wider Erwarten nicht günstiger geworden. Das nach Indonesien am schlimmsten von der Tsunami-Katastrophe betroffene Land rechnet für die angelaufene Hochsaison sogar mit einem neuen Besucherrekord!

Obwohl traditionelle Reisemärkte wie Deutschland erst langsam auf den Vorjahresstand zurückkehren, verzeichnet die offizielle Besucherstatistik des Landes von Januar bis September bereits ein Wachstum um 8 Prozent, sodass die Zahl ausländischer Touristen für 2005 zum dritten Mal eine halben Million überschreiten dürfte.

Auf eine baldige Rückkehr der Touristen hatte auch Abdul Azeez gesetzt und macht als derzeit einziges Szenecafé beste Geschäfte in der Altstadt von Galle. “Beim Tsunami war das Meer sogar bis an die Zinnen unserer historischen Stadtbefestigung angestiegen, doch nach innen ist kaum etwas gedrungen”, sagt der 23-jährige Gründer von “Pedlar‘s Inn Cafe”. So hat die imposante Befestigungsanlage als wichtigste kulturhistorische Sehenswürdigkeit des Südens überlebt und sich trotz Besucherflaute der letzte Trend fortgesetzt, immer mehr Nostalgiebauten mit stilvollen Unterkünften und Luxusgeschäften zu beleben. Davon zeugen das im Gefängnis geplante 49-Zimmer-Hotel, das bereits in einer ehemaligen Druckerei eröffnete Hotel “The Fort Printers” und vor allem das exklusive “Amangalla Resort” im einstigen “New Oriental Hotel”: Es gehört zur renommierten Amani-Gruppe, die bei Tangalla mit dem “Amanvella Resort” sogar noch einen weiteren exklusiven Meilenstein an die Küste gesetzt hat. Obwohl es mit dem Charme von Bunkerarchitektur ausgestattet wurde, ist es nun mit Bungalowpreisen um die 900 US-Dollar pro Nacht das teuerste Hotel der Insel.

Überall lassen sich betuchte Ausländer wieder durch die begehrten, für die Insel typischen Ayurveda-Kuren verwöhnen. Doch wer nachfragt, bekommt schnell zu spüren, dass der Schock und der Schmerz, die die Naturkatastrophe hinterlassen hat, noch längst nicht überwunden sind. Erstaunlich unbefangen berichten die Menschen von ihrem persönlichen Tsunami-Schicksal – dem schweren Verlust von geliebten Angehörigen, Freunden und Nachbarn, der Behausung, den wenigen Besitztümern oder einfach dem unbeschwerten Lebensgefühl.

Als wenn es gerade erst passiert wäre, erzählen sie, wie sich das Meer plötzlich zurückzog und die zuckenden Fische bizarr im strahlenden Sonnenschein glitzerten, wann und wie hoch die erste Welle kam. Wie Autos und Boote plötzlich durch die Gegend schossen – und wie sie sich mit viel Glück oder Geistesgegenwart retten konnten, während um sie herum die Apokalypse tobte.

Die neue Lichtorgel der beliebten, nun am Strand von Unawatuna dröhnenden Diskothek “Happy Banana” kann unheimliche Assoziationen wecken, wenn sie mit ihren langen, geisterhaften Lichtfingern über die Wellen der Bucht fegt, als würde sich da draußen wieder etwas zusammenbrauen. Manch Restaurantbesitzer hält die Erinnerung auf seine Weise wach, hat die Höhe der Flutwellen an der Wand vermerkt oder einfach die von den Wassermassen gestoppte Uhr hängen lassen. Andere legen sogar Fotoalben mit Tsunami-Bildern aus, um ihren Gästen die Wartezeit auf das Essen zu verkürzen. Muharam Perera indes hat die gesplitterten Überreste eines Türrahmens in das Foyer ihres Boutique-Resorts “Sun & Sea” gehängt. “Dieses Stück Holz hat mir das Leben gerettet”, betont die 78-jährige Lady und hat es in die dazugehörige Messingtafel gravieren lassen.

Eines Tages soll es auch eine sehr viel größere Gedenkstätte geben: bei dem bekannten Badeort Hikkaduwa. Hier hatten die Flutwellen den berühmt-berüchtigten Eisenbahnzug umgekippt und mehr als tausend Menschen in den Tod gerissen. Drei zerbeulte, rostbraune Waggons sind am Unglücksort belassen worden und sollen möglicherweise Bestandteil eines offiziellen Tsunami-Mahnmals werden. Schon jetzt streifen Scharen in- und ausländischer Touristen um die schaurige Sehenswürdigkeit. Sobald Besucher auftauchen, werden sie eifrig belagert und mit geöffneten Händen, überteuerten Souvenirs und herzzerreißenden Geschichten überhäuft.

Wesentlich weniger Andrang herrscht bei den Schildkrötenfarmen. Direkt am Strand gelegen und deshalb besonders schwer von den Flutwellen betroffen, haben sie fast alle einen Neubeginn gewagt. “Doch wir brauchen dringend mehr Touristen”, klagt K. Chandrasiri Abrew als Inhaber der ältesten und größten “Turtle Hatchery” bei Kosgoda. “Ohne Eintrittsgelder fehlen die Mittel, um die Schildkröteneier vor Marktverkauf und Verzehr zu retten.” Am Morgen des 26. Dezember hatte der 41-Jährige noch 900 davon vergraben, nach der Katastrophe aber nur eine einzige von seinen langjährig gehegten, geliebten Panzertieren lebend wiedergefunden.

Weitestgehend unbeschadet dagegen haben die vorgelagerten Korallenriffe sowie die zahlreichen Lagunen mit ihren Mangrovenhainen den Tsunami überstanden. Hier werden längst wieder die gewohnten reizvollen Bootsausflüge ins Landesinnere angeboten. Und auch die legendären Fischer von Welligama hocken wieder fotogen auf ihren Stelzen im Meer.

Dennoch hat sich das Erscheinungsbild der Küste vielerorts verändert. Die Galle Road, die von Colombo in den tiefen Süden führt, ist über weite Strecken mit massenhaft herbeigeschafften, dunklen Felsbrocken flankiert worden. Trotz dieses neuen Flutschutzes eröffnet sich – wegen der weitgehend verschwundenen Bebauung mit Fischerhütten und der noch umstrittenen 100-Meter-Regelung der Nichtbebauung – vielerorts ein zugegebenermaßen bestechend freier Ausblick auf den Indischen Ozean. Andernorts finden sich Schichten aus Schutt, Müll und entwurzelten Bäumen. Vereinzelt liegen Schiffswracks herum, die zumeist aus versicherungstechnischen Gründen noch nicht geborgen worden sind. Ihr Anblick wirkt stets beklemmend und lässt es etwas befremdlich erscheinen, wenn in der November-Ausgabe des Newsletters der staatlichen Fremdenverkehrsbehörde um Tauchtouristen geworben wird. Das Argument der offiziellen Werbung: “… dass mehr als 300 Wracks rund um die Insel herum auf dem Meeresgrund liegen. ” Obwohl damit gewiss schon vor Jahrzehnten versunkene Schiffe gemeint sind, wirkt es fast sarkastisch.

An anderen Küstenabschnitten wiederum wimmelt es nur so von intakten Booten, die die Strände landschaftsbildend bedecken. Denn fast jeder, der Sri Lanka nach dem Tsunami helfen wollte, hat zuerst an Fischerboote gedacht. Manch ein Küstenbewohner hat nun sogar schon drei oder vier – oder versteckt sie sogar, um noch mehr zu bekommen.

Die Flutwellen haben auch Geld ins Land gespült, doch über die Verteilung wird vielerorts lamentiert. Der tiefere Einblick schmerzt Dr. Fred Miller: “Was mich geschafft hat, war nicht die Naturgewalt des Tsunami”, meint der 60-jährige Hollandbrite nachhaltig frustriert, “sondern das schlimme Verhalten vieler Menschen nach der Katastrophe.” Die meisten westlichen Mitarbeiter der “Non Goverment Organisations” (NGO), die sich in seiner Hoteloase zwischen leckeren Speisen und frischem Fassbier allabendlich ein Stelldichein geben, schließt der Gründer und Besitzer des “Siam View Hotels” in der Arugam Bay ausdrücklich mit ein. Im Restaurant verweilende Rotkreuzler hätten sich kürzlich sogar geweigert, ein von einer herabfallenden Kokosnuss getroffenes Kind zum Arzt zu fahren, weil sie die Polster ihres Geländewagens nicht mit Blut beschmieren wollten.

“In den ersten Tagen nach der Katastrophe haben die Franzosen hier Schlipse und Nachtkleider abgeworfen, die Polen Dosenrindfleisch, das die Einheimischen aus Glaubensgründen sowieso nicht anrühren – und die Amerikaner 28.000 Rollen Klopapier.” Später, erinnert sich Miller, der seit fast dreißig Jahren hier lebt und als Tourismuspionier der Arugam Bay gilt, habe ihm einer seiner kompetenten Gäste vorgerechnet, dass eine einzige Toilettenrolle mit Herstellung, Luftfracht und Zoll gleich mehrere US-Dollar kosten würde. Auch dass die ausländischen Hilfskräfte monatelang die Fünfsternehotels in Colombo ausgebucht und etliches Spendengeld in einen Fuhrpark aus dicken Jeeps gesteckt hätten, habe Unmut geschürt. Die geborgenen Essensvorräte seines Hotels indes seien nach dem Tsunami zu täglich 500 Gratismahlzeiten für die Überlebenden verarbeitet worden.

“Wenn nicht immer nach bürokratischen Richtlinien vorgegangen würde, ließe sich mit Spendengeldern weitaus Sinnvolleres anfangen”, sagt Miller. Wie zum Beispiel der Aufbau einer geregelten Müllentsorgung, die es in der Arugam Bay bisher noch nicht einmal im Ansatz gibt. Die wäre einer touristischen Infrastruktur dienlich und somit zugleich Wiederaufbau und Existenzsicherung.

taz Nr. 7854 vom 24.12.2005, Seite I-II, 423 Zeilen (TAZ-Bericht), VOLKER KLINKMÜLLER

German Travel Channel

Schweigeminute und weiße Fahnen am Jahrestag
Sri Lanka ein Jahr nach der Flut
von Claudia Piuntek

100 Tage nach dem Unglück hatten wir von dem angeschlagenen Urlauberparadies Sri Lanka berichtet. Zum Jahrestag des Tsunami war das travelchannel-Team wieder vor Ort. Eindrücke von der Tropeninsel im Indischen Ozean, die sich von den Folgen des Seebebens noch nicht ganz erholt hat und eine Kehrtwende herbeisehnt.

Strahlend blauer Himmel und Plätscherwellen. Am Jahrestag ähnelt die Wetterlage in Sri Lanka dem tragischen Tag, der mit ebenso gutem Wetter begonnen hatte. Zur zentralen Gedenkfeier im Land haben sich Präsident und Premierminister in Pereliya eingefunden, dem Ort, an dem der überfüllte Expresszug “Königin des Ozeans” verunglückte und ein ganzes Fischerdorf ausradiert wurde. Die Flaggen stehen auf Halbmast, überall hängen weiße Fahnen zum Zeichen der Trauer.

Zum Zeitpunkt der Katastrophe halten die Menschenmassen inne, legen eine Schweigeminute ein. “Von der Regierung hat uns niemand geholfen”, sagt Punja Ratnasiri, “und jetzt tun die so, als hätten sie alles wieder aufgebaut.” Gebete, Trommelwirbel und Glockenläuten überall im Lande: Genau ein Jahr, nachdem die Riesenwelle Sri Lanka überrollte, gedenken die Überlebenden in Zeremonien der vielen Opfer. Am Abend durchziehen Lichterketten die Küstenorte, die Bewohner haben Öllampen aufgestellt.

Ein Jahr danach
Trauer-Touristen kehrten zurück

So wenige Touristen gab es an den idyllischen Buchten von Unawatuna und Mirissa mitten in der Hauptsaison schon lange nicht mehr. Die Strände sind schön wie eh und je, aber der Wiederaufbau ist an einigen Stellen noch im Gange. Ein Jahr nach dem Tsunami haben sich Trauer- oder Solidaritätstouristen auf den Weg an die Südküste gemacht. Auch an die Touristenorte im Osten, Arugam Bay und Nilaveli, verschlägt es vor allem Urlauber, die den Menschen in der strukturschwachen Region helfen wollen.

Vor dem Sea View Guesthouse in Unawatuna hat ein holländisches Ehepaar einen Baum für sein Baby gepflanzt, das hier ertrank. Die Eltern kehrten ein Jahr nach dem Unglück zurück, um noch einmal Abschied zu nehmen. Zum Jahrestag haben sich viele Touristen in Sri Lanka eingefunden, um zu verarbeiten, was sie vor einem Jahr erlebt haben. “Obwohl die meisten Schäden repariert sind, kommen viel weniger Besucher als früher”, sagt Deepal Yatawara vom Sea View Guesthouse. An der beliebten Badebucht mit dem seichten Wasser wurde inzwischen auch das beschädigte Unawatuna Beach Hotel wieder eröffnet. “In der letzten Zeit kamen viele Ausländer in den Ort, die uns nach dem Tsunami unterstützen wollten”, erzählt der Manager Ajith Keerasinghe.
“Wo sind all die Touristen?”

Mirissa galt schon immer als Geheimtipp für Touristen, die es ruhig und beschaulich mögen. Doch zum Jahrestag ist der Strand fast menschenleer, viele Unterkünfte sind nicht belegt. Dabei sind die Schäden an fast allen Gästehäusern behoben. Im Wiederaufbau ist noch der Paradise Beach Club, dessen Neueröffnung für den kommenden Sommer geplant ist. Im benachbarten Ahangama machen die Folgen des Tsunami dem Hotelbesitzer David Gittings zu schaffen, der in den letzten zwei Wochen vor Weihnachten kein einziges Zimmer seines White House Hotels vermieten konnte. “Wo sind all die Touristen, die nach Darstellung der Regierung nach Sri Lanka kommen?”, fragt er. “Kaum ein Hotel in Koggala, Ahangama oder Weligama hat Gäste”, beschreibt der Brite die Situation an der Südküste.

An der Ostküste sind noch längst nicht alle Gebäude repariert, aber das Tsunami-Hotel in Arugam Bay, das schon vor dem Unglück diesen Namen trug, bietet wieder Unterkünfte an. Fred Netzband-Miller, Eigentümer des Siam View Hotels, hat nur drei Zimmer eingerichtet, weil er mit seinen ersten Einnahmen aus dem gut laufenden Restaurant ein Tsunami-Frühwarnsystem installiert hat. “Außerdem bauen wir das Hotel tsunamisicher auf”, sagt der Deutsch-Engländer. Im Nordosten der Insel, in Nilaveli bei Trincomalee, steht die Neueröffnung des durch die Flut zerstörten Nilaveli Beach Hotels bevor. Die Hotelleitung hofft, ab Februar wieder die ersten Pauschalurlauber empfangen zu können. Das hängt jedoch von der politischen Entwicklung ab, denn seit den Präsidentschaftswahlen im November ist unklar, ob der Waffenstillstand im Norden und Osten von Dauer sein wird.
Touristen-Highlights jenseits der Küsten
Entdeckungstour

Sri Lanka verfügt über reiche Kulturschätze und eine vielfältige Natur. Im Landesinneren gibt es Teeplantagen, Nationalparks mit Elefanten und Leoparden sowie buddhistische Dagobas und Hindu-Tempel. Ein kulturelles Muss sind die Königsstädte Kandy, Polonnaruwa und Anuradhapura sowie die Felsenfestung von Sigiriya. Auf Entdeckungstour jenseits der Küsten.

80 Prozent der touristischen Hauptanziehungspunkte befinden sich im Inland, hat das Fremdenverkehrsamt errechnet. Einer davon ist der Yala-Nationalpark im Südosten. In dem Wildpark gibt es jede Menge Elefanten, Büffel und Krokodile, mit etwas Glück bekommen Safari-Gäste vom Geländewagen aus sogar einen der seltenen Leoparden zu sehen.

Auf dem Weg nach Arugam Bay passieren Urlauber den Ostteil des Yala-Parks und den Lahugala-Nationalpark, in denen fast ebenso viele wilde Tiere unterwegs sind wie im touristisch erschlosseneren und daher manchmal etwas überlaufenen Westteil von Yala. Vor den Toren des Wildparks liegt Kataragama, die wichtigste hinduistische Pilgerstätte des Landes. Die allabendliche Prozession, bei der Gläubige den Kriegsgott Skanda mit ihren Opfergaben zu besänftigen versuchen, ist ein Erlebnis.
Elefant im Yala Nationalpark Elefant im Yala Nationalpark © Rainer Mersmann
Im Hochland Sri Lankas

Buddhistische Gesänge durchdringen das Tal am Fuße des Adams Peak. Von Januar bis April ist die Wetterlage günstig für die nächtliche Besteigung des heiligen Berges, dessen Schatten sich bei Sonnenaufgang über die Landschaft legt. Grüne Plantagen so weit das Auge reicht. Teepflückerinnen sortieren nur die feinsten Blätter in ihre Körbe. Im Hochland Sri Lankas wächst der berühmte Ceylon-Tee. Alle großen Teefabriken haben Touristen-Führungen im Programm. Besucher erfahren, wie die unterschiedlichen Qualitäten fermentieren, in den Verkaufsshops liegen alle Sorten abgepackt aus.

In der 2. und 3. Klasse stehen die Menschen eng gedrängt. Ratternd windet sich der Zug an rauschenden Wasserfällen und Baumgiganten die spektakuläre Berglandschaft hoch. Neben den Gleisen stehen Kinder und winken den Fahrgästen zu. Wer im Hochland unterwegs ist, sollte sich ein wärmeres Kleidungsstück einpacken. In Nuwara Eliya, dem beliebten Luftkurort im Hochland, können Rundreisende sich günstige Outdoor-Kleidung kaufen, die in Sri Lanka produziert wird. Zu noch niedrigeren Preisen gibt es westliche Markenware made in Sri Lanka übrigens in Colombos Kaufhäusern House of Fashion und Odel‘s.
Höhlentempel und Königsstädte

Nirgendwo auf der Insel ist die Tempeldichte so hoch wie im Kulturdreieck. Ausgangspunkt für die Zeitreise in die Vergangenheit ist die Königsstadt Kandy mit dem bekannten Zahntempel und den Darbietungen der Kandy-Dancer in ihren historischen Kostümen.
Wolkenmädchen Fresken der Wolkenmädchen in Sigiriya © Rainer Mersmann

Imposant überragt der Felsentempel von Sigiriya den Dschungel. Besucher können den knapp 200 Meter hohen Monolithen besteigen, auf dem Weg zu den Palastruinen auf dem Gipfel kommen sie an den weltberühmten Fresken der Wolkenmädchen und dem Löwentor vorbei. Sigiriya ist die in jeder Hinsicht herausragende Attraktion Sri Lankas.

Kulturelle Highlights der Insel sind die mehr als 2000 Jahre alten Höhlentempel von Dambulla sowie die antiken Königsstädte Anuradhapura und Polonnaruwa mit ihren Dagoba-Kuppeln und Tempelruinen. Anuradhapura ist den Buddhisten wegen eines Ablegers des Bodhi-Baums heilig, unter dem Buddha erleuchtet wurde.
Makraber Name: Das Hotel Tsunami hieß schon vor der Flut so. © Rainer Mersmann
Sri Lanka + Tsunami

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Sri Lanka + Tsunami Seite 4 von 4
Die Lage im Osten
Von Arugam Bay zum Kulturdreieck

Das Schild des Hotel Tsunami in Arugam Bay steht schon wieder. Es ist ein beliebtes Fotomotiv der wenigen Touristen, die sich auf den Weg an die Ostküste gemacht haben. Das Hotel trug tatsächlich diesen Namen. Nomen est Omen: Es wurde wie beinahe alle Häuser in Strandnähe umgewälzt, denn den Osten traf der Tsunami frontal.

Arugam Bay ist Sri Lankas beliebtester Surferort und Reiseziel von Individualtouristen, denn Pauschalhotels gibt es keine. Im Mai beginnt die Hochsaison, aber in diesem Jahr werden wohl nicht alle Surfer ein Quartier finden. Der Ort liegt in Trümmern und es wird vermutlich noch einige Zeit dauern, bis alles repariert ist. Fred Netzband-Miller vom Siam View Hotel: “Vor dem Tsunami hatten wir in Arugam Bay 600 Zimmer, zur Zeit sind es schon wieder 60 und bis zum Saisonstart im Mai sollen es 200 sein.”

Fieberhaft werden die Gästehäuser neu aufgebaut. Die Besitzer haben eine Kooperative gebildet, um sich gegenseitig zu unterstützen und den Flutopfern zu helfen, die jetzt ohne Familie, Haus und Arbeit dastehen. Wie durch ein Wunder blieben einige Zimmer des Arugam Bay Hillton intakt. Der Besitzer M.H.A. Raheem hofft, dass alle Stammgäste wiederkommen, denn für den Juni haben die Gästehäuser einen großen Surfwettbewerb organisiert.
Wilder Elefant an der Ostküste bei Arugam Bay © Rainer Mersmann

Das Hinterland von Arugam Bay ist ein wahres Naturparadies. In der Steppenlandschaft weiden Elefanten und Wasserbüffel, morgens schlagen Pfaue ihre Räder. Zwei Nationalparks gibt es in der Umgebung, aber die wilden Tiere können auch außerhalb dieser Areale beobachtet werden.
Das Kulturdreieck

Das zweite touristisch erschlossene Gebiet an der Ostküste, der aufstrebende Fischerort Nilaveli nördlich von Trincomalee, wurde ebenfalls vom Tsunami schwer getroffen. “Wir können wohl erst in fünf oder sechs Monaten wieder aufmachen”, sagt Neville Paul vom Nilaveli Beach Hotel. Die Affenschar der beschädigten Hotelanlage futtert sich jetzt in den kleineren Nachbarhotels Nilaveli Garden Inn und Shahira durch. Die Gäste müssen ganz schön auf ihre Papayas und Bananen aufpassen. Es werden schon wieder Schnorcheltouren zur vorgelagerten Pidgeon Island angeboten. In Uppuveli gleich bei Trincomalee überstand der Club Oceanic die Naturkatastrophe. Viele Vertreter von Hilfsorganisationen sind in dem großen Pauschalhotel untergekommen.

Eine halbe Tagestour entfernt im Landesinneren liegt Sri Lankas Kulturdreieck. Die großen Hotels in Polonnaruwa, Sigiriya und Anuradhapura blieben zwar vom Tsunami verschont, die Welle der Stornierungen aber war beinahe ebenso heftig wie an der Küste. Das Sigiriya Hotel mit Blick auf den berühmten Monolithen ist sonst in den Monaten Januar bis März fast ausgebucht. In diesem Jahr lag die Auslastung im Januar nur bei 14 Prozent, weil die Kooperationspartner Reisen nach Sri Lanka kurzfristig aus dem Programm genommen hatten. Im Februar und März stieg sie wieder leicht auf 26 beziehungsweise 34 Prozent an. “Ein Drittel unserer Angestellten musste gehen”, sagt Kumar Vignesh vom Sigiriya Hotel. Auch zu den antiken Ruinen der Königsstädte Polonnaruwa und Anuradhapura zog es in dieser Saison wenig Touristen. Allerdings konnten die Hotels in Polonnaruwa einige Zimmer an Mitarbeiter von Hilfsorganisationen vermieten, die an der Südostküste im Einsatz sind.
28. März 2005, 23.15 Uhr

Die Medien verbreiten eine Tsunami-Warnung für Sri Lanka. Blitzschnell werden alle Menschen entlang der Küsten informiert: Das Hotelpersonal weckt seine Gäste auf, Einheimische rennen zu Nachbarn, auf den Straßen bietet jeder jedem Hilfe an. Dieses Mal können die Menschen sich rechtzeitig in Sicherheit bringen. Das Warnsystem hat funktioniert. Von einem weiteren Tsunami bleibt Sri Lanka zum Glück verschont.

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Rheinischer Merkur

NEUANFANG / An den Küsten Südindiens und Sri Lankas funktionierte die erste Hilfe. Doch nun gibt es Konflikte

Gestrandete Hoffnung

Ein Siedlungsverbot an der Küste bedroht die Fischer in ihrer Existenz. Sie haben Angst vor Umsiedlung. Nutznießer ist die Tourismusbranche.

MICHAEL NETZHAMMER,PUSHPAVANAM

Es ist eine Parade der besonderen Art, hier am Strand von Pushpavanam an der südindischen Ostküste. Neue Boote in allen Farben liegen auf dem weißen Strand. Sie unterscheiden sich weniger in ihrem Design, mehr jedoch in den Schriftzügen auf ihren Seiten. Namen nationaler und internationaler Hilfsorganisationen sind darauf verewigt, Symbole für die nach dem Tsunami geleistete Hilfe, Symbole aber auch für deren mediale Zurschaustellung.

Dieser Hilfe ist es zu verdanken, dass die meisten Fischer von Pushpavanam wieder aufs Meer hinausfahren und ihren Lebensunterhalt verdienen können. Auf der anderen Seite hausen die meisten noch immer in Notunterkünften aus Wellpappe, die sich im Sommer aufheizen, sodass es darin keiner aushält. Nun während des Monsuns werden viele überschwemmt, sodass die Bewohner buchstäblich im Wasser sitzen.

Was also haben die zahlreichen Spenden bewirkt? Ist das Geld bei den Opfern angekommen? Warum leben viele tausend Menschen immer noch in Notunterkünften? Eindeutige Fragen, auf die es je nach Region, Land und Art der Hilfe unterschiedliche Antworten gibt.

Von oben herab

„Die indische Regierung leistete sehr effektive Nothilfe, versorgte die Menschen in kürzester Zeit mit Nahrungsmitteln, Geld und Notunterkünften”, erklärt Bhakhter Solomon von der indischen Hilfsorganisation „Development Promotion Group” (DPG). Dadurch folgte der Katastrophe keine von Hunger und Seuchen ausgelöste zweite – im Gegensatz zur jüngsten Erdbebenkatastrophe in Pakistan. „Mehr als 60 Prozent der Opfer in Sri Lanka oder Indien sind der Meinung, genügend Hilfe in den ersten 60 Tagen erhalten zu haben”, kommt das US-amerikanische Fritz Institute nach einer Umfrage in mehr als einhundert betroffenen Dörfern zum Schluss.

Nicht alle teilen dieses positive Bild. Viele Fischer beispielsweise monieren, dass die Hilfsorganisationen nur sehr wenig über die Bedürfnisse der Fischer wussten. „Sie haben nie nachgefragt, sondern sehr von oben herab gehandelt”, kritisiert Anbu Kripanithi aus einem Nachbardorf. In Pushpavanam hingegen haben Mitarbeiter des Kirchenhilfswerks Casa, unterstützt von der Diakonie-Katastrophenhilfe, das Vorgehen mit dem Dorfrat beschlossen.

So bekam in Pushpavanam nicht jeder Fischer ein eigenes Boot, sondern nur ein Team, „weil jedes Boot ohnehin vier Mann Besatzung braucht”, sagt Paul Luther von Casa. Viele Hilfsorganisationen berücksichtigten diese Tatsache nicht, weshalb es in manchen Dörfern viel mehr Boote gibt als zum Einsatz kommen.

Grund zur Kritik haben auch die Dalits. Den „Unberührbaren” der indischen Gesellschaft wurde immer wieder Hilfe verwehrt. Sie erhielten keinen Zugang zu Wasserdepots oder wurden bei Zuteilungen übergangen, urteilt die „Nationale Dalit-Kampagne für Menschenrechte” (NCDHR): „Wir wurden gleich zweimal Opfer der Katastrophe, zum einen durch die Natur, zum anderen aufgrund der Diskriminierung durch Regierungsstellen und Hilfsorganisationen.”

Neben den Dalits sind auch viele Farmer mit ihrer Regierung unzufrieden. Zum Beispiel in Prathabarampuram, einige Kilometer vom Fischerdorf Pushpavanam entfernt. Hier hat die Katastrophe 900 Hektar, 60 Prozent der gesamten Ackerfläche, unfruchtbar gemacht. „Von was sollen wir leben, wenn wir nichts mehr anbauen können?”, fragt der Farmer Ramakrishnan.

Ein Problem, das entlang der südindischen Küste sehr viele Bauern bewegt – ohne dass sie von der Regierung Antworten darauf bekämen. Umso überraschter waren die Bewohner, als Mitarbeiter von Sevalaya das Dorf besuchten, die Partnerorganisation von Terre des Hommes. Nun suchen deren Experten gemeinsam mit Wissenschaftlern der Landwirtschaftsuniversität nach Wegen, die Äcker zu entsalzen.

Aus eigener Kraft

Diese negativen Begleiterscheinungen mindern die überwiegend positive Einschätzung jedoch kaum. Vor allem nicht angesichts des Ausmaßes der Katastrophe, die in Indien und Sri Lanka allein zwei Millionen Menschen betraf, 42000 Menschen das Leben kostete und eine Million obdachlos machte. „Inzwischen können 90 Prozent aller Menschen ihr Leben wieder aus eigener Kraft bestreiten, weil sie mit Booten, Netzen und Werkzeugen versorgt wurden”, sagt DPG-Direktor Bhakhter Solomon.

Nicht so positiv fällt sein Resümee für den Wiederaufbau aus. Im Distrikt Nagapattinam, in dem allein 19000 Häuser wieder aufgebaut werden müssen, leben 90 Prozent der Bewohner immer noch in Notunterkünften. Dass weder in Südindien noch in Sri Lanka die meisten festen Wohnungen fertig gestellt sind, dafür spielen mehrere Faktoren eine Rolle: die Größe des Vorhabens, die explodierenden Grundstückspreise, der Mangel an Rohstoffen und Material.

Als größte Hemmnisse erwiesen sich jedoch die Entscheidungen der Regierungen von Indien und Sri Lanka, entlang ihrer Küsten Pufferzonen zwischen 100 und 300 Metern auszurufen. Sie trafen diese Entscheidungen, ohne dass sie hätten sagen können, wo sie denn die betroffenen Fischer künftig anzusiedeln gedächten.

Laut artikulierte sich der Widerstand. Die Fischer vermuten, dass diese Maßnahmen weniger auf ihren Schutz zielen, sondern vielmehr auf ihre Vertreibung von den lukrativen Stränden. Nicht ohne Grund. So gilt die Pufferzone in Sri Lanka zwar für Fischer, nicht jedoch für Hotel- und Restaurantbesitzer. Zum Beispiel in der Arugam Bay an der Ostküste Sri Lankas, wo der Streit zwischen Fischern und Hotelbesitzern zu eskalieren droht. Die Region soll zu einem Touristenzentrum ausgebaut werden, „deshalb will die Regierung uns Fischer vom Strand vertreiben”, sagt Abdul Jabbar von der National Fishery Solidarity.

Achtzig Millionen Dollar sollen hier investiert werden – Gelder, die von Geberländern für die Tsunami-Opfer bereitgestellt wurden, vermutet Sarath Fernando von „Nationalen Bewegung für eine Agrarreform” (Monlar), einer Dachorganisation, die von „Brot für die Welt” unterstützt wird.

Ähnliche Ziele vermutet Jesurethinam Christy von der indischen Organisation Sneha hinter der Pufferzone auch in ihrem Land, „wo Industriekomplexe und Tourismusressorts entstehen, ohne dass die Regierung gegen diese Rechtsverstöße vorginge”, kritisiert die Direktorin.

Bis heute hat die Diskussion um die Pufferzone den Wiederaufbau der dringend benötigten Häuser um viele Monate verzögert. Weil es in Küstennähe kein alternatives Land gibt und die Fischer ihre Heimat nicht verlieren wollen, gärt es vor Ort. Zum Beispiel bei den Fischern von Keechankuppan. „Wo sollen wir unsere Boote, unsere Motoren, unsere Netze lagern, wenn wir ins Landesinnere umgesiedelt werden?”, fragt Aruna Sridhar.

Enormer Erwartungsdruck

Eine Umsiedlung fürchtet der Chef des Dorfrates mehr als einen zweiten Tsunami, obwohl er durch die Wellen zwei Kinder verloren hat. „Das Meer kann uns das Leben nehmen. Verlieren wir aber den Strand, dann verlieren wir unsere gesamte Existenz.” Insofern kommt der politischen Auseinandersetzung um die künftige Nutzung des Küstenstreifens immense Bedeutung zu. Dieser Debatte können sich die Hilfsorganisationen nicht entziehen, auch wenn dies Zeit kostet.

Keine Frage, die Helfer stehen unter einem enormen Erwartungsdruck. Spender und Medien wollen Erfolge sehen. „Wenn wir die Dinge forcieren und uns der Tyrannei des Handels unterwerfen”, warnt Kathleen Carvero vom UN-Koordinationsbüro für humanitäre Angelegenheiten, könnte uns das auf lange Sicht zurückwerfen.” Denn wer schnell Häuser an der falschen Stelle baut, der mag medial punkten, hilft den Opfern des Tsunamis aber auf lange Sicht nicht.

© Rheinischer Merkur Nr. 50, 15.12.2005

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Glaube, Liebe, Hoffnung Von Volker Klinkmüller

Sri Lanka – ein Jahr nach dem Tsunami
Sri Lanka
Glaube, Liebe,  Hoffnung
Von Volker Klinkmüller und Martin H. Petrich


21. November 2005 Wer in diesen Wochen zum Urlaub nach Sri Lanka fliegt, wird überrascht sein. Fast ein Jahr nach der Tsunami-Katastrophe vom 26. Dezember ist die touristische Infrastruktur in den meisten Regionen weitgehend wiederhergestellt.

Vielerorts sogar mit höherwertigen Unterkünften und deshalb – wider Erwarten – auch nicht unbedingt preiswerter. Die ersten Pauschaltouristen sind in die großen Strandhotels der Küstenregion zurückgekehrt. Und überall lassen sich die Ausländer wieder mit den begehrten, für die Insel typischen Ayurveda-Kuren verwöhnen. Auch der Indische Ozean zeigt sich mit sauberen Sandstränden, glasklaren Wellen und fischreichen Korallenriffen von seiner besten Seite.

Schock und Schmerz der Naturkatastrophe indes sitzen natürlich tief. Mancherorts zieht sich – mit Ruinen, Schutt, Baumwurzeln oder den letzten Schiffswracks – noch ein Gürtel der Zerstörung an der Küste entlang, während es die Einheimischen immer wieder dazu drängt, von ihren Verlusten, seien es geliebte Verwandte oder das Dach über dem Kopf, zu berichten. Doch auch sie können schon wieder lächeln, zeigen sich stets als freundlich und überaus bemüht. Vielleicht, um sich auf ihre Weise für die Solidarität der zurückkehrenden Besucher zu bedanken.

Das Landesinnere Sri Lankas – mit all seinen kulturhistorischen Sehenswürdigkeiten und faszinierenden Nationalparks – war in keiner Weise betroffen. In den Küstengebieten zeigt sich die Lage wie folgt:

Die Westküste

Colombo, Mount Lavinia, Negombo

Nur noch selten erinnern an den Stränden Wracks und Trümmer, wie hier in Tangalla, an die Katastrophe

Colombo war, wie auch der nördlich gelegene Badeort Negombo, kaum vom Tsunami betroffen. Unmittelbar am Strand der Hauptstadt findet sich nach wie vor das rund dreißig Jahre alte, auf der Welt einzigartige Seafood-Restaurant „Beach Wadiya”, das zwar Wasserschäden erlitten hat, aber exakt in seiner bewußt schlichten Form wiederhergestellt worden ist.

Im südlich benachbarten, traditionellen Badeort Mount Lavinia haben die Flutwellen zwar einige Schäden angerichtet, doch hatten alle touristischen Betriebe – bis auf ein einziges kleines Strandrestaurant – schon wenige Wochen nach dem Tsunami wieder geöffnet. Auch das legendäre Kolonialhotel „Mount Lavinia” thront in altem Glanz trotzig auf seinem Felsvorsprung in der tosenden Brandung.

Bentota, Beruwala und Kosgoda

Mancherorts sind die Hotels jetzt besser – und teurer – als vor der Flutwelle

Im Vergleich zur Süd- und Ostküste hat es im Westen Sri Lankas nur relativ wenige Tsunami-Tote gegeben. Zumal der Großteil der Region vorgewarnt werden konnte. Bis hinunter nach Galle sind fast alle Hotels, Pensionen und Restaurants längst zum Normalbetrieb zurückgekehrt.

Die großen, vor allem am traumhaft schönen Palmenstrand von Bentota konzentrierten Pauschalhotels haben ihre Gartenanlagen weitgehend entsalzen können. Die Beseitigung der Tsunami-Schäden haben sie zumeist für vielversprechende Updates und Upgrades ihrer Zimmer oder Suiten genutzt, was zum Teil sogar schon mit Belegungsquoten bis zu siebzig Prozent belohnt wird.

Trotz einem immer freundlichen Lächeln – der Tsunami-Schock sitzt bei den Einwohnern noch tief

In Kalutara überzeugt das Hotel „Kani Lanka Resort & Spa”, das erst 48 Stunden vor dem Tsunami eröffnet und schwer verwüstet worden war, als neues, innovatives Designer-Hotel. Noch nicht wieder buchbar ist das beliebte „Triton”- Hotel in Ahungalla, dessen Reparatur mit einer attraktiven Neugestaltung verbunden wird.

Schwere Zerstörungen sind vor allem noch in der Region Beruwala und Kosgoda zu sehen. Die Küstenstraße, die nun vielerorts mit steinernen Flutschutzwällen versehen wurde, bietet neuerdings, durch die weitgehend verschwundene Bebauung der Fischerhütten und die noch umstrittene 100-Meter-Regelung der Nichtbebauung, oft einen bestechend freien Ausblick auf das Meer.

Angler am indischen Ozean

Vereinzelt finden sich noch Schiffswracks, die aber nur aus Versicherungsgründen noch nicht geborgen wurden. Alle früheren Touristenattraktionen sind intakt oder haben – wie die „Turtle Hatcheries” – einen Neuanfang gemacht. Sie brauchen dringend mehr Besucher, denn ohne die Eintrittsgelder fehlen die Mittel, um die Schildkröteneier vor dem Marktverkauf oder dem Verzehr zu retten. Auf den großen Lagunen werden wie früher reizvolle Bootsausflüge in das Landesinnere angeboten.

Die Südküste

Hikkaduwa

Überraschende 95 Prozent der früheren touristischen Infrastruktur des beliebten, von der Küstenstraße zerschnittenen Urlaubsorts sind wiederhergestellt. Bis auf das Hotel „Hikkaduwa Beach” am Ortseingang haben alle Unterkünfte und Gastronomiebetriebe längst wieder geöffnet. Die vorgelagerten Korallenriffe haben durch den Tsunami keinerlei Schaden erlitten. In der Stadt streifen überraschend viele Solidaritätstouristen umher.

Schulalltag auf Sri Lanka

Drei Waggons des berühmt-berüchtigten Eisenbahnzuges, der kurz vor Hikkaduwa in den Flutwellen umgekippt war, was ungeheuer vielen Menschen das Leben gekostet hat, sind am Unglücksort belassen worden und sollen Bestandteil eines Tsunami-Mahnmals werden. Schon jetzt wird dieser Ort als schaurige Sehenswürdigkeit von Scharen in- und ausländischer Touristen heimgesucht. Genau wie beim an Land gespülten Polizeimarineboot im thailändischen Khao Lak.

Galle

Obwohl es vor allem am örtlichen Busbahnhof sehr viele Todesopfer gegeben hat, besteht keinerlei Grund, die wichtigste kulturhistorische Sehenswürdigkeit im Süden des Landes zu meiden. Die festungsartige Altstadt hat, wie auch ihre gesamte touristische Infrastruktur und die beiden außerhalb gelegenen Hotelflaggschiffe „Lighthouse” und „Closenberg”, die Katastrophe heil überstanden.

Hibiskusblüten

Trotz Besucherflaute hat sich der Trend fortgesetzt, immer mehr historische Gemäuer in stilvolle Unterkünfte zu verwandeln. Davon zeugen unter anderem das neue Hotel „The Fort Printers” in einem ehemaligen Druckereigebäude und das erst im Dezember eröffnete, exklusive „Amangalla”-Resort in den ehrwürdigen Mauern des einstigen „New Oriental Hotels”, das zur Aman-Gruppe gehört. Auch neue Boutiquen und Schmuckgeschäfte lassen sich hier nieder.

Unawatuna

Obwohl es hier schwere Zerstörungen gegeben hat, ist der beliebte Badeort mit seinen etablierten Betrieben wiederauferstanden.Es gibt keine sichtbaren Ruinen mehr, doch weisen einige Freiflächen noch auf den Verlust von kleineren Restaurants und Pensionen hin.

Auch die “Schildkröten Burtanstalt” hat einen Neuanfang gewagt

Es herrscht kein Mangel an guten Unterkünften und hervorragenden Restaurants. Die wunderschöne Bucht, in der ganzjährig gebadet werden kann, ist überraschend gut besucht. Vor allem von etlichen europäischen Familienurlaubern, die in den türkisfarbenen Meeresfluten schwimmen. Die Atmosphäre ist erfreulich ausgelassen. Das hat auch die gigantische Wiedereröffnungsparty der beliebten großen Stranddiskothek „Happy Banana” am 1. Oktober dieses Jahres gezeigt.

Koggala, Weligama und Mirissa

Das große, an einem atemberaubend breiten Sandstrand gelegene „Koggala Beach Hotel” ist rund elf Monate nach dem Tsunami oft komplett ausgebucht. Auch das als Badeziel beliebte, wegen seiner Stelzenfischer berühmte Weligama ist mit seiner touristischen Infrastruktur schon längst zum Normalbetrieb zurückgekehrt.

Hotel in Arugam Bay, wo wieder die Internationalen Surfweltmeisterschaften stattfinden

Die zum Schnorcheln und Tauchen beliebten vorgelagerten Korallenriffe haben den Tsunami ohne Schaden überstanden. In Mirissa wird – bis auf den zerstörten „Paradise Beach Club” – fleißig an der Wiederherstellung der zahlreichen privaten Touristenunterkünfte gearbeitet. Manchmal aber auch nur an Verfeinerungen: Das „Palace Mirissa Hotel” zum Beispiel erhält gerade ein romantisch am Hang gelegenes Schwimmbad.

Matara und Dikwella

Die meisten Unterkünfte und alle Sehenswürdigkeiten wie etwa der begehbare Leuchtturm von Matara-Dondra sind völlig intakt. Die Wiederherstellung des auf einer felsigen Landzunge im Meer gelegenen „Dikwella Village Resorts” wird wohl noch bis Anfang Dezember dauern. Und auch hier verbindet der Eigentümer den Wiederaufbau mit einem stilvollen Upgrade der Zimmer. Das Ayurveda-Resort „Vattersgarden”, das sich über einen Hügel am Meer erstreckt und von der deutschen Familie Vatter gegründet wurde, ist nach der Reparatur zum Normalbetrieb zurückgekehrt.

Tangalla

Freier Blick auf den glitzernden Ozean

Die Unterkünfte im Westen der Stadt sind weitgehend unbeschädigt geblieben oder inzwischen wiederhergestellt. Hier hat nun auch direkt am Strand das exklusive „Amanwella”-Resort eröffnet – nach der Niederlassung in Galle das zweite Standbein der Aman-Gruppe auf Sri Lanka. Obwohl seine Bunkerarchitektur eher gewöhnungsbedürftig ist und überaus schlicht wirkt, ist es mit Bungalow-Preisen um die 900 US-Dollar pro Nacht nun das teuerste Hotel der Insel.

Das „Tangalla Bay Hotel”, im Jahr 1971 auf einem Felsvorsprung im Meer errichtet, ist zwar leicht beschädigt worden, ist aber dank seines bemerkenswerten Interieurs noch immer ein Meilenstein der Architektur auf Sri Lanka. Die touristische Infrastruktur der beiden gefragten Badebuchten im Osten der Stadt ist erheblich zerstört worden, was dem landschaftlichen Erscheinungsbild allerdings kaum anzusehen ist. Inzwischen ist in manche Ruine neues Leben eingezogen, so daß auch hier kein Mangel an Unterkünften zu verzeichnen ist. Die beste Traveller-Unterkunft der Region ist mit dem „Blue Horizon” schon wieder aufgebaut.

Die Ostküste

Hambantota

Die Stadt gehört wie auch die gesamte Ostküste zu den Regionen, die auf Sri Lanka am schwersten von der Tsunami-Katastrophe heimgesucht worden sind. Jedoch ist das Hotel „The Oasis” als bestes und größtes Resort durch vorgelagerte Sanddünen völlig unbeschädigt geblieben und erfreut sich großer Auslastung, vor allem auch durch deutsche Ayurveda-Touristen. Das zweitgrößte Hotel „Peacock Beach” ist schwer beschädigt worden, will aber auf jeden Fall bis Ende November wieder eröffnen.

Somit dürfte Hambantota auch weiterhin als wichtigster Ausgangspunkt für Ausflüge in die legendären Nationalparks von Yala, Bundula und Uda Walawe dienen und auch zu den Kultur-Heiligtümern von Kataragama. Während die „Yala Safari Game Lodge” im gleichnamigen Nationalpark komplett zerstört worden ist, aber wiederaufgebaut werden soll, hat das gediegene „Yala Village Resort” als mit Abstand bestes Hotel des Naturschutzgebiets den Tsunami heil überstanden. Nur seine Strandvillen hat die Lodge verloren.

Arugam Bay

Nach dem Tsunami sind hier schon wieder die dritten Internationalen Surfmeisterschaften veranstaltet worden. Denn gewiß zählt diese Bucht noch immer zu den zehn besten Surfdestinationen der Welt. Wer hier Urlaub macht, gehört allerdings zur eingefleischten Surfer- beziehungsweise Traveller-Szene, will vor allem seine Solidarität zeigen. Und muß besonders hartgesotten sein. Vielerorts sind die Zerstörungen sichtbar, als Brachlandschaften zum Beispiel. Und auch etliche Ruinen sind noch zu sehen. Dennoch haben rund um das legendäre „Siam Bayview Hotel” – nicht zuletzt ein bizarrer Treffpunkt der zahlreichen internationalen Mitarbeiter und Freiwilligen der Hilfsorganisationen – über zwei Drittel aller touristischen Betriebe wieder geöffnet, auch wenn sich die Zimmerzahl so mancher Unterkunft auf nur noch zehn Prozent reduziert hat.

Am Strand ist eine neue, ansehnliche Generation von zweistöckigen Romantikrestaurants aus Naturmaterialien entstanden. Das „Tri Star Beach Hotel”, das früher über die besten Zimmer und den bisher einzigen Pool der Bucht verfügte, wurde in seiner alten Form wieder eröffnet und ist Mitte Oktober durch einen direkt am Strand gelegenen Neubauflügel ergänzt worden. Zudem steht die Eröffnung mehrerer neuer, für die Region bisher noch ungewöhnlich komfortabler Bungalow-Anlagen, wie das „Bombardi Resort” oder das „Royal Garden Beach Hotel”, unmittelbar bevor.

Trincomalee, Uppuveli, Nilaveli

Während die Hafenstadt Trincomalee dank ihres riesigen Naturhafens kaum betroffen war, richteten die hier bis zu vier Meter hohen Flutwellen an den nördlichen Stränden Uppuveli und Nilaveli große Schäden an. Elf Monate danach sind jedoch fast alle Unterkünfte wieder eröffnet. Und sie befinden sich nach umfassender Renovierung teils in besserem Zustand als zuvor. Das schwer beschädigte „Nilaveli Beach Hotel” wird derzeit von Grund auf renoviert und soll Anfang 2006 wieder seine Pforten öffnen.

Obwohl die Korallenriffe leicht in Mitleidenschaft gezogen wurden, können sich Taucher wie eh und je an der Schönheit der fischreichen Unterwasserwelt erfreuen. Leider nahmen in den vergangenen Monaten die politischen Spannungen in dieser Region wieder zu, so daß man sich rechtzeitig über die aktuelle, derzeit aber relativ unbedenkliche Sicherheitslage informieren sollte. Die eher geringe touristische Infrastruktur von Batticaloa, der größten Stadt der Ostküste und bekannt vor allem wegen ihres Phänomens der „Singenden Fische”, ist vom Tsunami kaum betroffen gewesen, da sie vorwiegend im Bereich einer Lagune im Landesinneren liegt.
Text: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 20.11.2005
Bildmaterial: F.A.Z. – Volker Klinikmüller, F.A.Z., F.A.Z. – Volker Klinkmüller

Healing waters

BeitragVerfasst am: 06.08.2005 08:23    Titel:

Surfen in Arugam
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‘Healing waters

Carolyn Fry finds that surfing is helping one Sri Lankan resort to get back on its feet after the tsunami

Tuesday August 2, 2005

Alan Stokes takes on the surf at Arugam Bay. Photograph: Carolyn Fry

On a sweeping stretch of cinnamon sand, a crowd turned its eyes to the rolling ocean surf. Local families, holiday-makers and a throng of photographers, film-makers and journalists were gathering to see the 2005 Champion of Champions surf contest in Arugam Bay, south-east Sri Lanka.
As a new day’s sun burned the sand through the fronds of coconut palms, surfers launched themselves into the water to ride the swell in a ballet of curving turns, speeding glides and twists of spray. The Boxing Day tsunami ripped through this sleepy beachside village, but the Indian Ocean’s barrelling waves are helping the community get back on its feet.

The legendary ‘right-handers’ of Arugam Bay have long attracted travelling wave-riders. During the country’s 20-year civil war, a dedicated group of Australian surfers regularly risked being bombed, or shot in cross-fire during violent battles between Tamil Tigers and the army. With the end of the conflict in 2002, more adventurers started to make the 10-hour journey along narrow, pitted roads to the famed beach.

Last year, when the British Professional Surfing Association (BPSA) held the first ever Champions surfing competition in the area it seemed things were finally looking up for this dusty, laid-back cluster of low-rise hotels, palm-roofed cabanas and fishermen’s shacks.

A message posted on the Siam View Hotel’s website at Christmas said: “The 2004 season has been the best the bay has ever seen. Nothing – not even another civil war – can stop the bay’s progress now.”

Hours later, the first of eight waves struck, sucking a metre of sand from the base of palms on Arugam Point, plucking cabanas and their inhabitants from the sand and smashing a thickening cargo of debris through the windows of the buses on the main street.

Simon, owner of the unfortunately named Tsunami Hotel, was managing the Siam View that night. He awoke to find himself underwater with his leg trapped. After breaking his ankle to free himself he was swept through several dwellings by the murky, diesel-tainted current before managing to grasp hold of some building blocks. This stopped Simon being swept out to sea as the water receded back to the horizon. Today, his faded superman tattoo has been supplemented by a fresh turquoise inking of a tsunami, along with the date he survived against all odds.

Following the tsunami, the organisers of the surfing contest were in two minds as to whether it should go ahead this year. A third of Arugam Bay’s 3,000 inhabitants had been killed in the disaster, money pledged by charities was slow in reaching the village and the bridge carrying the main road into Arugam Bay had been breached by the waves, cutting the community off for a short period.

However, when the bridge reopened in April the organisers decided the competition should take place. They felt that bringing 100 people into the village would serve as an impetus to get hotels rebuilt as soon as possible as well as injecting much-needed cash into the local economy.

“Everyone worked very, very hard to put it in place,” said Ralph Pereira, managing director of Travel and Tours Anywhere, which developed the contest in conjunction with Sri Lankan Airlines and the BPSA. “We didn’t know for sure that it would go ahead or whether there would be sufficient hotel rooms until six weeks beforehand.”

Guesthouse owners had certainly been hurrying to rebuild and reopen rooms damaged by the tsunami. At Hideaway Guesthouse, where I was staying, the front part of the garden was still a building site. But the main building, with its colonial tea plantation feel was homely and clean, with plump pink and orange cushions brightening rattan chairs.

Before the tsunami, surfing had been a mainstay of the tourism economy right around Sri Lanka’s southern coastline. The island’s south-west has the best waves from November to April, the south-east from May to September.

When Arugam Bay’s right-handers tailed off with the onset of the monsoon, surfers simply headed west to Hikkaduwa, where plentiful hotels and beach villas stood among lush gardens of banana and bourganvillia.

Recreating this surfers’ paradise in the wake of the tsunami has not been easy; with compensation payments from the government yet to materialise, most tourism enterprises have had to rely on their own funds to rebuild their businesses.

“We lost all our watersports equipment,” explained Thilak Weerasinghe, managing director of Lanka Sportreizen. “I didn’t get a cent, but luckily we had built up the business and can afford to rebuild.”

The Travel Foundation and Association of Independent Tour Operators (Aito) are working with the Sri Lankan government, local communities and environmental groups to help people affected by the tsunami regain their livelihoods by developing responsible tourism initiatives.

A number of projects have been earmarked for assistance, including a plan to create a sustainable fishing village. Visitors will see fish being brought to shore and sold, enabling fishermen to benefit from tourism while maintaining their traditional role in society.

Another scheme aims to revegetate land affected by the tsunami, using native plant species. This will include research into using mangroves for coastal protection. Funding for the projects will come from money already pledged by Aito members and donations from customers.

Back in Arugam Bay, there are plans to use money raised by the UK surfing fraternity to build a community surf foundation. Tsunami Surf Relief UK (TSRUK) has so far raised £30,000 through charity auctions and events and has allocated a third of this to building a new surf centre. As well as being a focal point where local surfers can meet, the foundation will help generate cash by offering board hire and surfing lessons to visiting tourists.

“We felt the community would benefit from having a centre offering surf-board hire and perhaps swimming lessons and life-guarding,” explained Phil Williams, national director of Christian Surfers UK and a trustee of TSRUK. “The break at Arugam Point is world famous for its waves and surfers from around the world go specifically to that area. In the three or four years after the ceasefire and before the tsunami, more and more surfers were coming to A-Bay; it was a much more prosperous place than before they came.”

As the surfing contest hotted up there was something of a party atmosphere on the beach. Dozens of coloured flags rippled in the tropical wind along the path to Arugam Point where glassy turquoise waves curled invitingly around the reef.

Judges assessed surfers on their turns, style and risk-taking, while waiting competitors nervously flexed their muscles, waxed their boards and contemplated their chances of winning the £2,000 prize money.

For the Sri Lankan surfers, many of whom lost friends and family in the tsunami, preparing for the contest helped them overcome their fear of the ocean. As each entered the water, the 100 or so villagers seated beneath the palm trees lining the shore cheered and whistled their support.

“The contest has been hugely important for morale after the tsunami,” said Phil Williams. “It’s sent out the message that, while Arugam Bay isn’t quite yet open for business as usual, it’s back on the tourist trail.”

Way to go

Getting there: Sri Lankan Airlines (020-8538 2001

), offers 11 flights a week from Heathrow to Colombo. Fares start at £450 return plus taxes

Where to stay: Travel and Tours Anywhere Ltd (0208 8136622) offers surfing holidays to Arugam Bay and Hikkaduwa. A 15-day holiday to Arugam Bay including flights, transfers and B&B accommodation in a guest house costs from £699pp. 14 days in Hikkaduwa costs from £599pp. Hire of boards and surfing lessons can be arranged

When to go: The waves at Arugam Bay are best between May and September during the dry season. During the off-season, Sri Lanka’s main surf spot on the south-west coast, Hikkaduwa, has good waves

Further information: Sri Lanka Tourist Board (020-7930 2627), arugambay.com’

http://travel.guardian.co.uk/c…..60,00.html

Berliner Zeitung

Frank Nordhausen
Hilflose Helfer
Sri Lanka braucht Ärzte, Reis und Wasser – aber Sri Lanka braucht auch Leute, die wissen, wer und was gerade wo gebraucht wird
ARUGAM BAY, im Januar. Das Zelt ist leer, die beiden Helfer stehen da in ihren blauen Arztkitteln, die Binden und Pflaster und Ampullen, alles ist bereit, nur die Patienten fehlen. Hans Stechele schüttelt den Kopf, er versteht die Welt nicht recht an diesem Morgen. “Das liegt doch daran, dass die Franzosen vom Roten Kreuz in ihrer Station gerade wieder Curry und Reis verteilen”, vermutet er. Er mag kaum etwas Gutes über die französischen Helfer sagen. “Die sitzen den ganzen Tag herum und machen Schönwettermedizin.” Aber, leider, sie haben mehr Patienten, hier in Arugam Bay.

Hans Stechele kommt aus Heilbronn, er ist 32 Jahre alt, Arzt für Kindermedizin, und er hatte sich den Einsatz im Katastrophengebiet, “ehrlich gesagt”, etwas anders vorgestellt. Wenn er allerdings davon erzählt, wie er nach Arugam Bay kam, an diesen verwüsteten Traumstrand im Osten von Sri Lanka, dann ist das alles nicht ganz überraschend. Der freiwillige Mitarbeiter einer kleinen Hilfsorganisation aus München hat sich vor zwei Wochen zusammen mit einem Freund und einigen Kartons voller Medikamente auf den Weg gemacht, den Flutopfern zu helfen. Nur, dass er Sri Lanka nicht kannte und auch gar nicht wusste, wo und wie er zum Einsatz kommen sollte. “Wir haben im Süden der Insel gesucht, aber festgestellt, dass es dort nicht an Medizin mangelte.” Sie mussten auch erkennen, dass schon jede Menge anderer Ärzte auf der Suche nach Patienten waren. “Sie standen sich regelrecht auf den Füßen.”

Irgendwann hörten Hans Stechele und sein Freund von Arugam Bay, einem abgelegenen Küstenort im Osten Sri Lankas. Als sie dort eintrafen, stellten sie jedoch fest, dass sie wieder zu spät kamen. Die Rot-Kreuz-Helfer aus Frankreich hatten schon alle schweren Fälle verarztet. Auf einem Reisfeld, in einem weißen Zelt, eröffneten die Deutschen dennoch ihre Praxis für Kindermedizin. Dort bekamen sie es zwar nicht mit gebrochenen Gliedern, aber mit Husten, Bauchschmerzen und Fieber zu tun, und das sind ja auch Krankheiten. “Normalerweise kommen auch Patienten”, sagt Hans Stechele. Normalerweise.

“Inzwischen ist die Hilfe an der Ostküste gesichert, auch der Nachschub an Wasser”, sagt Johannes Schraknepper, ein deutscher Arzt, der nicht weit von Arugam Bay in einem Notlazarett des finnischen Roten Kreuzes arbeitet. Im Osten Sri Lankas sieht man nun Flüchtlingslager mit weißen und blauen Zelten. Inzwischen ist auch schweres Räumgerät an vielen Orten eingetroffen, zwei Wochen später als im stärker entwickelten Süden des Landes. Als dort bereits neue Brücken standen, gab es in Arugam Bay nicht einmal militärische Hilfe beim Suchen und Bergen der Toten – was mit der Armut im Osten und mit der fehlenden Aufmerksamkeit der Medien zu tun haben könnte.

Jetzt beobachte man eher ein anderes Phänomen – hilflose Helfer, sagt der deutsche Arzt Schraknepper. Die Hilfswerke würden oft ohne jede Landeskenntnis handeln, und längst seien auch die üblichen Rivalitäten ausgebrochen. “Manche Helfer kommen an, sind drei Tage da, verteilen Medikamente, die niemand braucht, und sind wieder weg. Andere werden hier hingeschickt, stellen fest, die Küste ist mit Hilfe abgedeckt, und streiten sich nun um den Verteilungskuchen.” Die Regierung aber sei mit der Lage völlig überfordert und werde von der Hilfe förmlich überrollt.

Am Strand von Arugam Bay landen den ganzen Tag über Marineboote an. Sie bringen Aufräumtrupps, junge Männer aus Sri Lanka in Shorts mit Spaten und Hacken. Sie wollen die Schule im Ort von Schutt und Müll befreien. Sie marschieren durch die tiefen Furchen, die der Tsunami gerissen hat, als er die Straße im Ort unterspülte und die Auffahrt zu einer Brücke über den Sund wegriss, die Arugam Bay mit dem Festland verbindet.

Die Brücke ragt nun ins Leere, deshalb kann das Dorf zurzeit nur per Boot erreicht werden. Noch immer liegen verkeilte Autos zwischen Betonbrocken und den Resten von Fischerbooten. Die Arbeiter passieren auf ihrem Weg durch das Trümmerfeld Zelte der Vereinten Nationen, sie sehen Überlebende, die an provisorischen Hütten zimmern, und sie sehen all jene jungen Europäer und Amerikaner in festen Stiefeln und Tropenwesten, die scheinbar ziellos in die eine oder andere Richtung streben.

“Ich bringe diese vier Ampullen auf die andere Seite der Lagune”, sagt Nick, ein bärtiger junger Mann von der amerikanischen Westküste. “Man hat mir gesagt, dass dort die Krätze ausgebrochen ist. Und das hier hilft dagegen.” Mit quietschenden Reifen hält ein Jeep, der aus der Gegenrichtung kommt. “Wo ist denn hier das Surf‘n Sun?”, brüllt ein junger Mann, “wir haben Zement und einen Generator”. Ratlos stehen kanadische Soldaten an diesem Tag an der zerbrochenen Brücke.

Arugam Bay liegt in einer Region abseits der Tourismusströme. Die Gegend war zwanzig Jahre lang Kampfgebiet. Wie im Norden der Insel haben auch im Osten die tamilischen Rebellen immer wieder große Gebiete in ihre Gewalt gebracht, auch in den Urwäldern um Arugam Bay. Trotzdem gab es für Reisende einen guten Grund, die Armee-Checkpoints zu überwinden, um hierher zu kommen: Nirgends sonst auf Sri Lanka war die Brandung schöner. Viele Surfer verbrachten in den Gästehäusern ein ganzes Jahr, einige haben sich Häuser gekauft. Vielleicht hat der Ort deshalb jetzt eine besondere Art von Helfern angezogen.

Mit großen Augen betrachten die Einheimischen das Treiben der jungen Ausländer in ihrem Dorf. 5000 Menschen lebten in Arugam Bay, die Flutwelle hat 500 oder 700 mit sich gerissen, auch einige Touristen, im Dorf hat jede Familie Tote zu beklagen. Vorher lebten sie hier vom Fischfang, vom Reisanbau und auch vom Tourismus. Jetzt hocken sie unter den Planen und wissen nicht, was sie tun sollen. Die Nothilfe hat sie erreicht, wenn auch mit Verzögerung. “Es gibt genug zu essen, es gibt Medizin”, sagt ein Fischer, der seine Frau und zwei Kinder verloren hat. “Nur das Wasser, das sie uns geben, ist salzig. Man kann es nicht trinken.” Das französische Rote Kreuz hat in Arugam Bay eine schöne Wasseraufbereitungsanlage gebaut, nur kommt das Wasser aus einem Brunnen, der viel zu nah am Meer liegt.

Die Wasseraufbereitungsanlage steht genau dort, wo einmal der Rest des Siam View Hotels stand, einer Pension nicht weit vom Strand. Im Siam View Hotel geht es in diesen Tagen ein wenig zu wie in einer Jugendherberge. An der großen Tafel über dem Tresen steht, das Essen sei umsonst, “und jeder gibt in die Kasse, was er kann”. Wenn es Abend wird, sitzen sie an den Holztischen, junge Menschen aus Deutschland, Italien und Amerika, Helfer und Idealisten, sie trinken Bier und reden.

Manfred Netzwand-Miller sitzt dann dazwischen. Er ist 54 Jahre alt, Deutsch-Engländer, ein Abenteurer, der viel herumgekommen ist, früher mal Offizier der britischen Army war und jetzt Chef des Hotels ist. Nur ein kleiner Teil seines Hauses ist übrig geblieben, als der Tsunami durch Arugam Bay fegte. Manfred Netzwand-Miller sagt, er versuche vor allem dafür zu sorgen, dass die Leute im Ort wieder Hoffnung schöpfen. “Dass sie sich nicht hängen lassen. Wir zeigen ihnen, wie man weitermacht. Das ist auch ein wichtiger Teil von Nothilfe.”

Netzwand-Miller hat sein Hotel zum Treffpunkt der Helfer gemacht – jener Helfer, deren Einsatz er mit einem gewissen Spott beobachtet. Sein Grundstücksnachbar, ein 35 Jahre alter Däne, sieht es ähnlich. Er sagt nur immer wieder “chaotisch” und schüttelt den Kopf. “Absolut chaotisch.” Per Jörgensen hat rotes, kurz geschnittenes Haar, einen rötlichen Bart und von der Sonne gerötete Haut. Auch er hat einen Generator organisiert und eine Pumpe, er hilft seinen einheimischen Nachbarn, ihre verstopften und mit Meerwasser vergifteten Brunnen zu säubern. “Hier waren Leute von irgendwelchen Hilfsorganisationen, die haben Brunnen gesäubert und dann sind sie wieder verschwunden”, sagt er. “Aber niemand hat das Wasser der Brunnen anschließend geprüft.” Jörgensen hat nun einen Kontakt zu anderen Helfern hergestellt, die irgendwo im Busch ein Wasserlabor haben sollen. “Aber niemand organisiert hier irgendwas, es gibt nicht die geringste Koordination der Hilfe, vieles wird doppelt gemacht und anderes gar nicht”, sagt Per Jörgensen.

Das Rote Kreuz immerhin hat zunächst Erkundungstrupps in die Notgebiete geschickt, auch in den Osten Sri Lankas, und dann erst Maßnahmen ergriffen. Deutsche Rot-Kreuz-Helfer haben zum Beispiel bei Komari, einem völlig zerstörten Fischerdorf zwanzig Kilometer von Arugam Bay entfernt, eine Wasseraufbereitungsanlage errichtet, die ihr Wasser aus einem Fluss bezieht. Unweit davon haben finnische Rot-Kreuz-Helfer ihr Feldlazarett auf die grüne Wiese gestellt, haben Behandlungszimmer eingerichtet, in denen sie über dreitausend Flüchtlinge versorgen.

“Wir haben zum Glück bisher nur Fieber, Bronchitis und Durchfall festgestellt”, sagt der finnische Arzt Ukka Mikkonen, der damit rechnet, dass das Hospital etwa ein Jahr betrieben werden muss. Mikkonen weiß, dass die Leute oft Dinge brauchen, mit denen die Helfer gar nicht gerechnet hatten. Denn viele Menschen hier haben verletzte Füße, weil sie in der Flutwelle ihre Sandalen verloren haben und nun barfuß gehen müssen. Neue Schuhe können sie sich nicht leisten.

In Arugam Bay sind an diesem Tag drei hochrangige Oppositionspolitiker zu Besuch, um sich über die Hilfsmaßnahmen zu informieren. Karu Jayasuri, Mitglied der Delegation, war einmal Minister und auch zwei Jahre lang Diplomat in Deutschland. Er sagt: “Wir freuen uns über jede Hilfe, aber es ist klar, dass wir eine bessere Koordination benötigen.”

Am Tag darauf berichten die Zeitungen in Colombo, aus England sei ein großes Flugzeug voll mit Wasserflaschen eingetroffen. Ganz überraschend.

Die Reporter Frank Nordhausen, Willi Germund und Pablo Castagnola, die in den vergangenen Wochen in Südasien waren, berichten an diesem Donnerstag ab 18 Uhr in einem Leserforum von ihren Erfahrungen. Das Forum findet im Hause des Berliner Verlags am Alexanderplatz, Karl-Liebknecht-Straße 29, statt. Der Eintritt ist frei.

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“Manche Helfer kommen an, sind drei Tage da, verteilen Medikamente, die niemand braucht, und sind wieder weg.”

Ein deutscher Arzt

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