Autorin:
Claudia Ackermann
Ich erreichte den Mitternachts-Express gerade noch rechtzeitig, suchte mir einen Platz und sah aus dem Fenster. Ein Tourist drängte sich über den Busbahnhof. Er kam nur langsam vorwärts, denn außer seiner Reisetasche trug er noch ein großes Surfbord unter dem Arm. Rücksichtslos schob er damit die Passanten zur Seite, die ihm im Weg waren. In letzter Sekunde erreichte er den Bus, aber da schon fast alle Plätze besetzt waren und im Mittelgang Taschen und Körbe standen, weigerte sich der Fahrer, ihn mit seinem riesigen Gepäckstück einsteigen zu lassen. Der Surfer stellte einen Fuß in die Tür, die Spitze seines Bords ragte bereits ins Innere des Busses. Aggressiv und drohend redete er auf den Fahrer ein, und an seinem Akzent erkannte ich, dass er Australier war. Er war groß, bestimmt einen Kopf größer als der Fahrer. Sein Körper war muskulös und durchtrainiert, aber der Busfahrer, ein schmächtiger, hagerer Mann, ließ sich davon nicht beeindrucken. Um so lauter der Australier sprach, desto sturer wurde sein Gegenüber.
„Das Brett braucht so viel Platz, wie zwei Männer”, behauptete der Busfahrer. „Du musst drei Tickets kaufen.”
Nach langer Diskussion, die die Fahrgäste interessiert verfolgten, entschloss sich der Australier schließlich, den Preis zu bezahlen. Schimpfend wuchtete er sein Surfbrett in den Bus und kam direkt auf mich zu, denn neben mir war noch ein Platz frei.
„Die nehmen einen aus, wo sie nur können”, beschwerte er sich, als er neben mir Platz nahm.
Sein Name war Nick. Er hatte das gleiche Fahrtziel wie ich. In Sinna Ullai war er mit seinen australischen Freunden zum Surfen verabredet.
„Meine Kumpels sagten, dass dort super Wellen in einer Bucht am Strand entlang laufen”, erklärte er. „Nur deshalb fliegen sie jedes Jahr nach Sri Lanka. Als ob wir in Australien nicht auch gute Strände hätten. Sri Lanka ist ja ganz schön, und man kann hier billig Urlaub machen, wenn nur diese bescheuerten Einheimischen nicht wären.”
„Seit wann sind deine Freunde an der Ostküste?”, fragte ich ihn.
„Etwa zwei Wochen.”
Also waren doch Touristen im Dorf. Ich war erleichtert. Vielleicht waren die Soldaten längst abgezogen. Bestimmt war alles wieder ruhig und friedlich. Die Regenzeit war vorbei, eine neue Saison hatte begonnen.
Es war inzwischen dunkel geworden. Die meisten Fahrgäste hatten sich schon für die Nacht in eine möglichst bequeme Stellungen gebracht. Ich zog meinen Lungi aus der Tasche, faltete ihn zusammen wie zu einem Kissen, und benutzte ihn als Polster für meinen Kopf, den ich gegen die Fensterscheibe lehnte. Ich wollte versuchen, ein wenig zu schlafen.
Irgendwann in der Nacht wurde ich von lauten Stimmen aus dem Schlaf gerissen. Der Bus hatte angehalten, draußen war es stockdunkel. Ich konnte nichts sehen, aber ich hörte die Stimme eines Mannes, der in Befehlston irgend etwas rief. Die Fahrgäste standen auf, nahmen ihr Gepäck und drängten zum Ausgang. Ein Militärfahrzeug versperrte vor dem Bus den Weg. Verschlafen reihte ich mich in die Menschenschlange ein. Der Australier blieb gelangweilt sitzen.
„Das geht doch uns nichts an”, sagte er gähnend und versuchte weiterzuschlafen.
Die Fahrgäste stellten sich auf der dunklen Straße in einer Reihe auf und ließen die Durchsuchung über sich ergehen. Ein Soldat leuchtete mir mit einer Taschenlampe ins Gesicht. Mein Gepäck durchsuchte er nicht. Ein anderer Soldat, er war bestimmt nicht älter als 18 Jahre, betrat mit angelegtem Gewehr den Bus. Kurz darauf war ein Wortwechsel zu hören. Nicks Stimme klang aggressiv. Nur das nicht, dachte ich. Leg dich nicht mit den Soldaten an. Mehrmals forderte der junge Singhalese Nick auf, auszusteigen, aber der Australier weigerte sich stur. Die Stimmen wurden gereizter, bis der Soldat den Touristen schließlich wütend anbrüllte. Aber Nick hatte nicht vor, nachzugeben: „Fuck you, I´m …” Mitten im Satz herrschte plötzlich Schweigen. Die Soldaten auf der Straße hielten in der Durchsuchung der Fahrgäste inne. Die Einheimischen starrten auf den Eingang des Busses. Kurz darauf erschien Nick in der Tür. Er hatte die Hände hinter dem Kopf verschränkt, der Lauf des Gewehres war auf seinen Hinterkopf gerichtet.
„Go!”, schrie der Soldat Nick an und stieß ihn mit einem Fußtritt die Stufen hinunter. Der Australier stolperte und landete auf der Straße auf seinen Knien, die Hände immer noch hinter dem Kopf verschränkt. Der Uniformierte hielt Nicks Reisetasche in der Hand und kippte den Inhalt auf den Asphalt. Nick bewegte sich nicht. Schweigend hielt er den Blick zu Boden gesenkt. Für einen Moment verschwand der Soldat im Bus, dann kam er mit dem Surfbrett unter dem Arm wieder. Er zog ein Messer aus seiner Tasche und stach mehrmals auf das Bord ein. Dann warf er es in den Straßengraben. In dem Moment hob Nick den Kopf, und sofort presste der Soldat den Lauf seines Gewehres gegen die Stirn des Australiers.
Einen quälend langen Moment herrschte Todesstille. Ich hielt den Atem an. Dann hörte ich die Stimme eines anderen Soldaten. Er war älter, als sein Kamerad. Die Worte konnte ich nicht verstehen, aber der Tonfall war ruhig und gefasst. Das einzige, das ich verstehen konnte, war das Wort „Tourist”, wobei er eine abfällige Bewegung in Richtung des Australiers machte.
Nick warf mir heimlich einen Blick zu. Ich senkte den Kopf zu Boden und hoffte, er würde es genauso tun. Nervös trippelte der junge Soldat von einem Fuß auf den anderen, den Gewehrlauf immer noch auf Nicks Kopf gerichtet.
Beruhigend legte der ältere Uniformierte seinen Arm um die Schulter seines jungen Kameraden und redete beschwörend auf ihn ein. Schließlich ließ der Soldat den Gewehrlauf sinken und folgte dem älteren zu dem Militärfahrzeug. Wir wurden aufgefordert, schnell in den Bus einzusteigen.
Ich half Nick, der immer noch auf der Straße kniete, aufzustehen. Seine Hände zitterten. Widerspruchslos ließ er sich zu seinem Platz führen, ohne sich um sein Gepäck oder das Surfbrett zu kümmern, das immer noch im Straßengraben lag. Langsam fuhr der Bus an dem Militärfahrzeug vorbei.
Auf der weiteren Fahrt sprach Nick kein Wort. Er starrte auf die Rückenlehne des Sitzes vor ihm., bis wir unser Ziel an der Ostküste erreichten.
Auszug aus unserem Sri Lanka-Roman “Der Krokodilfelsen” …
Pressestimme:
Faszinierende Reise durch ein exotisches Land
Der Roman ist nicht nur eine unterhaltsame Geschichte mit tiefen Einblicken in die Traveller-Szene. Vielmehr schildert die Autorin darin auch einfühlsam, wie Einheimische (und so mancher Tourist) den Bürgerkrieg erlebten sowie kulturelle und landschaftliche Besonderheiten der Tropeninsel, von der der berühmte Ceylon-Tee kommt … Und dann ist da noch der Tamile Suriya, zu dem sie eine innige Beziehung aufgebaut hat. Der Leser wird immer mehr hineingezogen in eine spannende (Bürgerkriegs-)Geschichte, in der es um Leben und Tod geht …
(Ingrid Knack, Backnanger Kreiszeitung)
| HomePage | Travel Diary |











0 Responses to “Leseprobe: Der Krokodilfelsen”