Monthly Archive for December, 2005

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German Travel Channel

Schweigeminute und weiße Fahnen am Jahrestag
Sri Lanka ein Jahr nach der Flut
von Claudia Piuntek

100 Tage nach dem Unglück hatten wir von dem angeschlagenen Urlauberparadies Sri Lanka berichtet. Zum Jahrestag des Tsunami war das travelchannel-Team wieder vor Ort. Eindrücke von der Tropeninsel im Indischen Ozean, die sich von den Folgen des Seebebens noch nicht ganz erholt hat und eine Kehrtwende herbeisehnt.

Strahlend blauer Himmel und Plätscherwellen. Am Jahrestag ähnelt die Wetterlage in Sri Lanka dem tragischen Tag, der mit ebenso gutem Wetter begonnen hatte. Zur zentralen Gedenkfeier im Land haben sich Präsident und Premierminister in Pereliya eingefunden, dem Ort, an dem der überfüllte Expresszug “Königin des Ozeans” verunglückte und ein ganzes Fischerdorf ausradiert wurde. Die Flaggen stehen auf Halbmast, überall hängen weiße Fahnen zum Zeichen der Trauer.

Zum Zeitpunkt der Katastrophe halten die Menschenmassen inne, legen eine Schweigeminute ein. “Von der Regierung hat uns niemand geholfen”, sagt Punja Ratnasiri, “und jetzt tun die so, als hätten sie alles wieder aufgebaut.” Gebete, Trommelwirbel und Glockenläuten überall im Lande: Genau ein Jahr, nachdem die Riesenwelle Sri Lanka überrollte, gedenken die Überlebenden in Zeremonien der vielen Opfer. Am Abend durchziehen Lichterketten die Küstenorte, die Bewohner haben Öllampen aufgestellt.

Ein Jahr danach
Trauer-Touristen kehrten zurück

So wenige Touristen gab es an den idyllischen Buchten von Unawatuna und Mirissa mitten in der Hauptsaison schon lange nicht mehr. Die Strände sind schön wie eh und je, aber der Wiederaufbau ist an einigen Stellen noch im Gange. Ein Jahr nach dem Tsunami haben sich Trauer- oder Solidaritätstouristen auf den Weg an die Südküste gemacht. Auch an die Touristenorte im Osten, Arugam Bay und Nilaveli, verschlägt es vor allem Urlauber, die den Menschen in der strukturschwachen Region helfen wollen.

Vor dem Sea View Guesthouse in Unawatuna hat ein holländisches Ehepaar einen Baum für sein Baby gepflanzt, das hier ertrank. Die Eltern kehrten ein Jahr nach dem Unglück zurück, um noch einmal Abschied zu nehmen. Zum Jahrestag haben sich viele Touristen in Sri Lanka eingefunden, um zu verarbeiten, was sie vor einem Jahr erlebt haben. “Obwohl die meisten Schäden repariert sind, kommen viel weniger Besucher als früher”, sagt Deepal Yatawara vom Sea View Guesthouse. An der beliebten Badebucht mit dem seichten Wasser wurde inzwischen auch das beschädigte Unawatuna Beach Hotel wieder eröffnet. “In der letzten Zeit kamen viele Ausländer in den Ort, die uns nach dem Tsunami unterstützen wollten”, erzählt der Manager Ajith Keerasinghe.
“Wo sind all die Touristen?”

Mirissa galt schon immer als Geheimtipp für Touristen, die es ruhig und beschaulich mögen. Doch zum Jahrestag ist der Strand fast menschenleer, viele Unterkünfte sind nicht belegt. Dabei sind die Schäden an fast allen Gästehäusern behoben. Im Wiederaufbau ist noch der Paradise Beach Club, dessen Neueröffnung für den kommenden Sommer geplant ist. Im benachbarten Ahangama machen die Folgen des Tsunami dem Hotelbesitzer David Gittings zu schaffen, der in den letzten zwei Wochen vor Weihnachten kein einziges Zimmer seines White House Hotels vermieten konnte. “Wo sind all die Touristen, die nach Darstellung der Regierung nach Sri Lanka kommen?”, fragt er. “Kaum ein Hotel in Koggala, Ahangama oder Weligama hat Gäste”, beschreibt der Brite die Situation an der Südküste.

An der Ostküste sind noch längst nicht alle Gebäude repariert, aber das Tsunami-Hotel in Arugam Bay, das schon vor dem Unglück diesen Namen trug, bietet wieder Unterkünfte an. Fred Netzband-Miller, Eigentümer des Siam View Hotels, hat nur drei Zimmer eingerichtet, weil er mit seinen ersten Einnahmen aus dem gut laufenden Restaurant ein Tsunami-Frühwarnsystem installiert hat. “Außerdem bauen wir das Hotel tsunamisicher auf”, sagt der Deutsch-Engländer. Im Nordosten der Insel, in Nilaveli bei Trincomalee, steht die Neueröffnung des durch die Flut zerstörten Nilaveli Beach Hotels bevor. Die Hotelleitung hofft, ab Februar wieder die ersten Pauschalurlauber empfangen zu können. Das hängt jedoch von der politischen Entwicklung ab, denn seit den Präsidentschaftswahlen im November ist unklar, ob der Waffenstillstand im Norden und Osten von Dauer sein wird.
Touristen-Highlights jenseits der Küsten
Entdeckungstour

Sri Lanka verfügt über reiche Kulturschätze und eine vielfältige Natur. Im Landesinneren gibt es Teeplantagen, Nationalparks mit Elefanten und Leoparden sowie buddhistische Dagobas und Hindu-Tempel. Ein kulturelles Muss sind die Königsstädte Kandy, Polonnaruwa und Anuradhapura sowie die Felsenfestung von Sigiriya. Auf Entdeckungstour jenseits der Küsten.

80 Prozent der touristischen Hauptanziehungspunkte befinden sich im Inland, hat das Fremdenverkehrsamt errechnet. Einer davon ist der Yala-Nationalpark im Südosten. In dem Wildpark gibt es jede Menge Elefanten, Büffel und Krokodile, mit etwas Glück bekommen Safari-Gäste vom Geländewagen aus sogar einen der seltenen Leoparden zu sehen.

Auf dem Weg nach Arugam Bay passieren Urlauber den Ostteil des Yala-Parks und den Lahugala-Nationalpark, in denen fast ebenso viele wilde Tiere unterwegs sind wie im touristisch erschlosseneren und daher manchmal etwas überlaufenen Westteil von Yala. Vor den Toren des Wildparks liegt Kataragama, die wichtigste hinduistische Pilgerstätte des Landes. Die allabendliche Prozession, bei der Gläubige den Kriegsgott Skanda mit ihren Opfergaben zu besänftigen versuchen, ist ein Erlebnis.
Elefant im Yala Nationalpark Elefant im Yala Nationalpark © Rainer Mersmann
Im Hochland Sri Lankas

Buddhistische Gesänge durchdringen das Tal am Fuße des Adams Peak. Von Januar bis April ist die Wetterlage günstig für die nächtliche Besteigung des heiligen Berges, dessen Schatten sich bei Sonnenaufgang über die Landschaft legt. Grüne Plantagen so weit das Auge reicht. Teepflückerinnen sortieren nur die feinsten Blätter in ihre Körbe. Im Hochland Sri Lankas wächst der berühmte Ceylon-Tee. Alle großen Teefabriken haben Touristen-Führungen im Programm. Besucher erfahren, wie die unterschiedlichen Qualitäten fermentieren, in den Verkaufsshops liegen alle Sorten abgepackt aus.

In der 2. und 3. Klasse stehen die Menschen eng gedrängt. Ratternd windet sich der Zug an rauschenden Wasserfällen und Baumgiganten die spektakuläre Berglandschaft hoch. Neben den Gleisen stehen Kinder und winken den Fahrgästen zu. Wer im Hochland unterwegs ist, sollte sich ein wärmeres Kleidungsstück einpacken. In Nuwara Eliya, dem beliebten Luftkurort im Hochland, können Rundreisende sich günstige Outdoor-Kleidung kaufen, die in Sri Lanka produziert wird. Zu noch niedrigeren Preisen gibt es westliche Markenware made in Sri Lanka übrigens in Colombos Kaufhäusern House of Fashion und Odel‘s.
Höhlentempel und Königsstädte

Nirgendwo auf der Insel ist die Tempeldichte so hoch wie im Kulturdreieck. Ausgangspunkt für die Zeitreise in die Vergangenheit ist die Königsstadt Kandy mit dem bekannten Zahntempel und den Darbietungen der Kandy-Dancer in ihren historischen Kostümen.
Wolkenmädchen Fresken der Wolkenmädchen in Sigiriya © Rainer Mersmann

Imposant überragt der Felsentempel von Sigiriya den Dschungel. Besucher können den knapp 200 Meter hohen Monolithen besteigen, auf dem Weg zu den Palastruinen auf dem Gipfel kommen sie an den weltberühmten Fresken der Wolkenmädchen und dem Löwentor vorbei. Sigiriya ist die in jeder Hinsicht herausragende Attraktion Sri Lankas.

Kulturelle Highlights der Insel sind die mehr als 2000 Jahre alten Höhlentempel von Dambulla sowie die antiken Königsstädte Anuradhapura und Polonnaruwa mit ihren Dagoba-Kuppeln und Tempelruinen. Anuradhapura ist den Buddhisten wegen eines Ablegers des Bodhi-Baums heilig, unter dem Buddha erleuchtet wurde.
Makraber Name: Das Hotel Tsunami hieß schon vor der Flut so. © Rainer Mersmann
Sri Lanka + Tsunami

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Sri Lanka + Tsunami Seite 4 von 4
Die Lage im Osten
Von Arugam Bay zum Kulturdreieck

Das Schild des Hotel Tsunami in Arugam Bay steht schon wieder. Es ist ein beliebtes Fotomotiv der wenigen Touristen, die sich auf den Weg an die Ostküste gemacht haben. Das Hotel trug tatsächlich diesen Namen. Nomen est Omen: Es wurde wie beinahe alle Häuser in Strandnähe umgewälzt, denn den Osten traf der Tsunami frontal.

Arugam Bay ist Sri Lankas beliebtester Surferort und Reiseziel von Individualtouristen, denn Pauschalhotels gibt es keine. Im Mai beginnt die Hochsaison, aber in diesem Jahr werden wohl nicht alle Surfer ein Quartier finden. Der Ort liegt in Trümmern und es wird vermutlich noch einige Zeit dauern, bis alles repariert ist. Fred Netzband-Miller vom Siam View Hotel: “Vor dem Tsunami hatten wir in Arugam Bay 600 Zimmer, zur Zeit sind es schon wieder 60 und bis zum Saisonstart im Mai sollen es 200 sein.”

Fieberhaft werden die Gästehäuser neu aufgebaut. Die Besitzer haben eine Kooperative gebildet, um sich gegenseitig zu unterstützen und den Flutopfern zu helfen, die jetzt ohne Familie, Haus und Arbeit dastehen. Wie durch ein Wunder blieben einige Zimmer des Arugam Bay Hillton intakt. Der Besitzer M.H.A. Raheem hofft, dass alle Stammgäste wiederkommen, denn für den Juni haben die Gästehäuser einen großen Surfwettbewerb organisiert.
Wilder Elefant an der Ostküste bei Arugam Bay © Rainer Mersmann

Das Hinterland von Arugam Bay ist ein wahres Naturparadies. In der Steppenlandschaft weiden Elefanten und Wasserbüffel, morgens schlagen Pfaue ihre Räder. Zwei Nationalparks gibt es in der Umgebung, aber die wilden Tiere können auch außerhalb dieser Areale beobachtet werden.
Das Kulturdreieck

Das zweite touristisch erschlossene Gebiet an der Ostküste, der aufstrebende Fischerort Nilaveli nördlich von Trincomalee, wurde ebenfalls vom Tsunami schwer getroffen. “Wir können wohl erst in fünf oder sechs Monaten wieder aufmachen”, sagt Neville Paul vom Nilaveli Beach Hotel. Die Affenschar der beschädigten Hotelanlage futtert sich jetzt in den kleineren Nachbarhotels Nilaveli Garden Inn und Shahira durch. Die Gäste müssen ganz schön auf ihre Papayas und Bananen aufpassen. Es werden schon wieder Schnorcheltouren zur vorgelagerten Pidgeon Island angeboten. In Uppuveli gleich bei Trincomalee überstand der Club Oceanic die Naturkatastrophe. Viele Vertreter von Hilfsorganisationen sind in dem großen Pauschalhotel untergekommen.

Eine halbe Tagestour entfernt im Landesinneren liegt Sri Lankas Kulturdreieck. Die großen Hotels in Polonnaruwa, Sigiriya und Anuradhapura blieben zwar vom Tsunami verschont, die Welle der Stornierungen aber war beinahe ebenso heftig wie an der Küste. Das Sigiriya Hotel mit Blick auf den berühmten Monolithen ist sonst in den Monaten Januar bis März fast ausgebucht. In diesem Jahr lag die Auslastung im Januar nur bei 14 Prozent, weil die Kooperationspartner Reisen nach Sri Lanka kurzfristig aus dem Programm genommen hatten. Im Februar und März stieg sie wieder leicht auf 26 beziehungsweise 34 Prozent an. “Ein Drittel unserer Angestellten musste gehen”, sagt Kumar Vignesh vom Sigiriya Hotel. Auch zu den antiken Ruinen der Königsstädte Polonnaruwa und Anuradhapura zog es in dieser Saison wenig Touristen. Allerdings konnten die Hotels in Polonnaruwa einige Zimmer an Mitarbeiter von Hilfsorganisationen vermieten, die an der Südostküste im Einsatz sind.
28. März 2005, 23.15 Uhr

Die Medien verbreiten eine Tsunami-Warnung für Sri Lanka. Blitzschnell werden alle Menschen entlang der Küsten informiert: Das Hotelpersonal weckt seine Gäste auf, Einheimische rennen zu Nachbarn, auf den Straßen bietet jeder jedem Hilfe an. Dieses Mal können die Menschen sich rechtzeitig in Sicherheit bringen. Das Warnsystem hat funktioniert. Von einem weiteren Tsunami bleibt Sri Lanka zum Glück verschont.

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Rheinischer Merkur

NEUANFANG / An den Küsten Südindiens und Sri Lankas funktionierte die erste Hilfe. Doch nun gibt es Konflikte

Gestrandete Hoffnung

Ein Siedlungsverbot an der Küste bedroht die Fischer in ihrer Existenz. Sie haben Angst vor Umsiedlung. Nutznießer ist die Tourismusbranche.

MICHAEL NETZHAMMER,PUSHPAVANAM

Es ist eine Parade der besonderen Art, hier am Strand von Pushpavanam an der südindischen Ostküste. Neue Boote in allen Farben liegen auf dem weißen Strand. Sie unterscheiden sich weniger in ihrem Design, mehr jedoch in den Schriftzügen auf ihren Seiten. Namen nationaler und internationaler Hilfsorganisationen sind darauf verewigt, Symbole für die nach dem Tsunami geleistete Hilfe, Symbole aber auch für deren mediale Zurschaustellung.

Dieser Hilfe ist es zu verdanken, dass die meisten Fischer von Pushpavanam wieder aufs Meer hinausfahren und ihren Lebensunterhalt verdienen können. Auf der anderen Seite hausen die meisten noch immer in Notunterkünften aus Wellpappe, die sich im Sommer aufheizen, sodass es darin keiner aushält. Nun während des Monsuns werden viele überschwemmt, sodass die Bewohner buchstäblich im Wasser sitzen.

Was also haben die zahlreichen Spenden bewirkt? Ist das Geld bei den Opfern angekommen? Warum leben viele tausend Menschen immer noch in Notunterkünften? Eindeutige Fragen, auf die es je nach Region, Land und Art der Hilfe unterschiedliche Antworten gibt.

Von oben herab

„Die indische Regierung leistete sehr effektive Nothilfe, versorgte die Menschen in kürzester Zeit mit Nahrungsmitteln, Geld und Notunterkünften”, erklärt Bhakhter Solomon von der indischen Hilfsorganisation „Development Promotion Group” (DPG). Dadurch folgte der Katastrophe keine von Hunger und Seuchen ausgelöste zweite – im Gegensatz zur jüngsten Erdbebenkatastrophe in Pakistan. „Mehr als 60 Prozent der Opfer in Sri Lanka oder Indien sind der Meinung, genügend Hilfe in den ersten 60 Tagen erhalten zu haben”, kommt das US-amerikanische Fritz Institute nach einer Umfrage in mehr als einhundert betroffenen Dörfern zum Schluss.

Nicht alle teilen dieses positive Bild. Viele Fischer beispielsweise monieren, dass die Hilfsorganisationen nur sehr wenig über die Bedürfnisse der Fischer wussten. „Sie haben nie nachgefragt, sondern sehr von oben herab gehandelt”, kritisiert Anbu Kripanithi aus einem Nachbardorf. In Pushpavanam hingegen haben Mitarbeiter des Kirchenhilfswerks Casa, unterstützt von der Diakonie-Katastrophenhilfe, das Vorgehen mit dem Dorfrat beschlossen.

So bekam in Pushpavanam nicht jeder Fischer ein eigenes Boot, sondern nur ein Team, „weil jedes Boot ohnehin vier Mann Besatzung braucht”, sagt Paul Luther von Casa. Viele Hilfsorganisationen berücksichtigten diese Tatsache nicht, weshalb es in manchen Dörfern viel mehr Boote gibt als zum Einsatz kommen.

Grund zur Kritik haben auch die Dalits. Den „Unberührbaren” der indischen Gesellschaft wurde immer wieder Hilfe verwehrt. Sie erhielten keinen Zugang zu Wasserdepots oder wurden bei Zuteilungen übergangen, urteilt die „Nationale Dalit-Kampagne für Menschenrechte” (NCDHR): „Wir wurden gleich zweimal Opfer der Katastrophe, zum einen durch die Natur, zum anderen aufgrund der Diskriminierung durch Regierungsstellen und Hilfsorganisationen.”

Neben den Dalits sind auch viele Farmer mit ihrer Regierung unzufrieden. Zum Beispiel in Prathabarampuram, einige Kilometer vom Fischerdorf Pushpavanam entfernt. Hier hat die Katastrophe 900 Hektar, 60 Prozent der gesamten Ackerfläche, unfruchtbar gemacht. „Von was sollen wir leben, wenn wir nichts mehr anbauen können?”, fragt der Farmer Ramakrishnan.

Ein Problem, das entlang der südindischen Küste sehr viele Bauern bewegt – ohne dass sie von der Regierung Antworten darauf bekämen. Umso überraschter waren die Bewohner, als Mitarbeiter von Sevalaya das Dorf besuchten, die Partnerorganisation von Terre des Hommes. Nun suchen deren Experten gemeinsam mit Wissenschaftlern der Landwirtschaftsuniversität nach Wegen, die Äcker zu entsalzen.

Aus eigener Kraft

Diese negativen Begleiterscheinungen mindern die überwiegend positive Einschätzung jedoch kaum. Vor allem nicht angesichts des Ausmaßes der Katastrophe, die in Indien und Sri Lanka allein zwei Millionen Menschen betraf, 42000 Menschen das Leben kostete und eine Million obdachlos machte. „Inzwischen können 90 Prozent aller Menschen ihr Leben wieder aus eigener Kraft bestreiten, weil sie mit Booten, Netzen und Werkzeugen versorgt wurden”, sagt DPG-Direktor Bhakhter Solomon.

Nicht so positiv fällt sein Resümee für den Wiederaufbau aus. Im Distrikt Nagapattinam, in dem allein 19000 Häuser wieder aufgebaut werden müssen, leben 90 Prozent der Bewohner immer noch in Notunterkünften. Dass weder in Südindien noch in Sri Lanka die meisten festen Wohnungen fertig gestellt sind, dafür spielen mehrere Faktoren eine Rolle: die Größe des Vorhabens, die explodierenden Grundstückspreise, der Mangel an Rohstoffen und Material.

Als größte Hemmnisse erwiesen sich jedoch die Entscheidungen der Regierungen von Indien und Sri Lanka, entlang ihrer Küsten Pufferzonen zwischen 100 und 300 Metern auszurufen. Sie trafen diese Entscheidungen, ohne dass sie hätten sagen können, wo sie denn die betroffenen Fischer künftig anzusiedeln gedächten.

Laut artikulierte sich der Widerstand. Die Fischer vermuten, dass diese Maßnahmen weniger auf ihren Schutz zielen, sondern vielmehr auf ihre Vertreibung von den lukrativen Stränden. Nicht ohne Grund. So gilt die Pufferzone in Sri Lanka zwar für Fischer, nicht jedoch für Hotel- und Restaurantbesitzer. Zum Beispiel in der Arugam Bay an der Ostküste Sri Lankas, wo der Streit zwischen Fischern und Hotelbesitzern zu eskalieren droht. Die Region soll zu einem Touristenzentrum ausgebaut werden, „deshalb will die Regierung uns Fischer vom Strand vertreiben”, sagt Abdul Jabbar von der National Fishery Solidarity.

Achtzig Millionen Dollar sollen hier investiert werden – Gelder, die von Geberländern für die Tsunami-Opfer bereitgestellt wurden, vermutet Sarath Fernando von „Nationalen Bewegung für eine Agrarreform” (Monlar), einer Dachorganisation, die von „Brot für die Welt” unterstützt wird.

Ähnliche Ziele vermutet Jesurethinam Christy von der indischen Organisation Sneha hinter der Pufferzone auch in ihrem Land, „wo Industriekomplexe und Tourismusressorts entstehen, ohne dass die Regierung gegen diese Rechtsverstöße vorginge”, kritisiert die Direktorin.

Bis heute hat die Diskussion um die Pufferzone den Wiederaufbau der dringend benötigten Häuser um viele Monate verzögert. Weil es in Küstennähe kein alternatives Land gibt und die Fischer ihre Heimat nicht verlieren wollen, gärt es vor Ort. Zum Beispiel bei den Fischern von Keechankuppan. „Wo sollen wir unsere Boote, unsere Motoren, unsere Netze lagern, wenn wir ins Landesinnere umgesiedelt werden?”, fragt Aruna Sridhar.

Enormer Erwartungsdruck

Eine Umsiedlung fürchtet der Chef des Dorfrates mehr als einen zweiten Tsunami, obwohl er durch die Wellen zwei Kinder verloren hat. „Das Meer kann uns das Leben nehmen. Verlieren wir aber den Strand, dann verlieren wir unsere gesamte Existenz.” Insofern kommt der politischen Auseinandersetzung um die künftige Nutzung des Küstenstreifens immense Bedeutung zu. Dieser Debatte können sich die Hilfsorganisationen nicht entziehen, auch wenn dies Zeit kostet.

Keine Frage, die Helfer stehen unter einem enormen Erwartungsdruck. Spender und Medien wollen Erfolge sehen. „Wenn wir die Dinge forcieren und uns der Tyrannei des Handels unterwerfen”, warnt Kathleen Carvero vom UN-Koordinationsbüro für humanitäre Angelegenheiten, könnte uns das auf lange Sicht zurückwerfen.” Denn wer schnell Häuser an der falschen Stelle baut, der mag medial punkten, hilft den Opfern des Tsunamis aber auf lange Sicht nicht.

© Rheinischer Merkur Nr. 50, 15.12.2005

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