NEUANFANG / An den Küsten Südindiens und Sri Lankas funktionierte die erste Hilfe. Doch nun gibt es Konflikte
Gestrandete Hoffnung
Ein Siedlungsverbot an der Küste bedroht die Fischer in ihrer Existenz. Sie haben Angst vor Umsiedlung. Nutznießer ist die Tourismusbranche.
MICHAEL NETZHAMMER,PUSHPAVANAM
Es ist eine Parade der besonderen Art, hier am Strand von Pushpavanam an der südindischen Ostküste. Neue Boote in allen Farben liegen auf dem weißen Strand. Sie unterscheiden sich weniger in ihrem Design, mehr jedoch in den Schriftzügen auf ihren Seiten. Namen nationaler und internationaler Hilfsorganisationen sind darauf verewigt, Symbole für die nach dem Tsunami geleistete Hilfe, Symbole aber auch für deren mediale Zurschaustellung.
Dieser Hilfe ist es zu verdanken, dass die meisten Fischer von Pushpavanam wieder aufs Meer hinausfahren und ihren Lebensunterhalt verdienen können. Auf der anderen Seite hausen die meisten noch immer in Notunterkünften aus Wellpappe, die sich im Sommer aufheizen, sodass es darin keiner aushält. Nun während des Monsuns werden viele überschwemmt, sodass die Bewohner buchstäblich im Wasser sitzen.
Was also haben die zahlreichen Spenden bewirkt? Ist das Geld bei den Opfern angekommen? Warum leben viele tausend Menschen immer noch in Notunterkünften? Eindeutige Fragen, auf die es je nach Region, Land und Art der Hilfe unterschiedliche Antworten gibt.
Von oben herab
„Die indische Regierung leistete sehr effektive Nothilfe, versorgte die Menschen in kürzester Zeit mit Nahrungsmitteln, Geld und Notunterkünften”, erklärt Bhakhter Solomon von der indischen Hilfsorganisation „Development Promotion Group” (DPG). Dadurch folgte der Katastrophe keine von Hunger und Seuchen ausgelöste zweite – im Gegensatz zur jüngsten Erdbebenkatastrophe in Pakistan. „Mehr als 60 Prozent der Opfer in Sri Lanka oder Indien sind der Meinung, genügend Hilfe in den ersten 60 Tagen erhalten zu haben”, kommt das US-amerikanische Fritz Institute nach einer Umfrage in mehr als einhundert betroffenen Dörfern zum Schluss.
Nicht alle teilen dieses positive Bild. Viele Fischer beispielsweise monieren, dass die Hilfsorganisationen nur sehr wenig über die Bedürfnisse der Fischer wussten. „Sie haben nie nachgefragt, sondern sehr von oben herab gehandelt”, kritisiert Anbu Kripanithi aus einem Nachbardorf. In Pushpavanam hingegen haben Mitarbeiter des Kirchenhilfswerks Casa, unterstützt von der Diakonie-Katastrophenhilfe, das Vorgehen mit dem Dorfrat beschlossen.
So bekam in Pushpavanam nicht jeder Fischer ein eigenes Boot, sondern nur ein Team, „weil jedes Boot ohnehin vier Mann Besatzung braucht”, sagt Paul Luther von Casa. Viele Hilfsorganisationen berücksichtigten diese Tatsache nicht, weshalb es in manchen Dörfern viel mehr Boote gibt als zum Einsatz kommen.
Grund zur Kritik haben auch die Dalits. Den „Unberührbaren” der indischen Gesellschaft wurde immer wieder Hilfe verwehrt. Sie erhielten keinen Zugang zu Wasserdepots oder wurden bei Zuteilungen übergangen, urteilt die „Nationale Dalit-Kampagne für Menschenrechte” (NCDHR): „Wir wurden gleich zweimal Opfer der Katastrophe, zum einen durch die Natur, zum anderen aufgrund der Diskriminierung durch Regierungsstellen und Hilfsorganisationen.”
Neben den Dalits sind auch viele Farmer mit ihrer Regierung unzufrieden. Zum Beispiel in Prathabarampuram, einige Kilometer vom Fischerdorf Pushpavanam entfernt. Hier hat die Katastrophe 900 Hektar, 60 Prozent der gesamten Ackerfläche, unfruchtbar gemacht. „Von was sollen wir leben, wenn wir nichts mehr anbauen können?”, fragt der Farmer Ramakrishnan.
Ein Problem, das entlang der südindischen Küste sehr viele Bauern bewegt – ohne dass sie von der Regierung Antworten darauf bekämen. Umso überraschter waren die Bewohner, als Mitarbeiter von Sevalaya das Dorf besuchten, die Partnerorganisation von Terre des Hommes. Nun suchen deren Experten gemeinsam mit Wissenschaftlern der Landwirtschaftsuniversität nach Wegen, die Äcker zu entsalzen.
Aus eigener Kraft
Diese negativen Begleiterscheinungen mindern die überwiegend positive Einschätzung jedoch kaum. Vor allem nicht angesichts des Ausmaßes der Katastrophe, die in Indien und Sri Lanka allein zwei Millionen Menschen betraf, 42000 Menschen das Leben kostete und eine Million obdachlos machte. „Inzwischen können 90 Prozent aller Menschen ihr Leben wieder aus eigener Kraft bestreiten, weil sie mit Booten, Netzen und Werkzeugen versorgt wurden”, sagt DPG-Direktor Bhakhter Solomon.
Nicht so positiv fällt sein Resümee für den Wiederaufbau aus. Im Distrikt Nagapattinam, in dem allein 19000 Häuser wieder aufgebaut werden müssen, leben 90 Prozent der Bewohner immer noch in Notunterkünften. Dass weder in Südindien noch in Sri Lanka die meisten festen Wohnungen fertig gestellt sind, dafür spielen mehrere Faktoren eine Rolle: die Größe des Vorhabens, die explodierenden Grundstückspreise, der Mangel an Rohstoffen und Material.
Als größte Hemmnisse erwiesen sich jedoch die Entscheidungen der Regierungen von Indien und Sri Lanka, entlang ihrer Küsten Pufferzonen zwischen 100 und 300 Metern auszurufen. Sie trafen diese Entscheidungen, ohne dass sie hätten sagen können, wo sie denn die betroffenen Fischer künftig anzusiedeln gedächten.
Laut artikulierte sich der Widerstand. Die Fischer vermuten, dass diese Maßnahmen weniger auf ihren Schutz zielen, sondern vielmehr auf ihre Vertreibung von den lukrativen Stränden. Nicht ohne Grund. So gilt die Pufferzone in Sri Lanka zwar für Fischer, nicht jedoch für Hotel- und Restaurantbesitzer. Zum Beispiel in der Arugam Bay an der Ostküste Sri Lankas, wo der Streit zwischen Fischern und Hotelbesitzern zu eskalieren droht. Die Region soll zu einem Touristenzentrum ausgebaut werden, „deshalb will die Regierung uns Fischer vom Strand vertreiben”, sagt Abdul Jabbar von der National Fishery Solidarity.
Achtzig Millionen Dollar sollen hier investiert werden – Gelder, die von Geberländern für die Tsunami-Opfer bereitgestellt wurden, vermutet Sarath Fernando von „Nationalen Bewegung für eine Agrarreform” (Monlar), einer Dachorganisation, die von „Brot für die Welt” unterstützt wird.
Ähnliche Ziele vermutet Jesurethinam Christy von der indischen Organisation Sneha hinter der Pufferzone auch in ihrem Land, „wo Industriekomplexe und Tourismusressorts entstehen, ohne dass die Regierung gegen diese Rechtsverstöße vorginge”, kritisiert die Direktorin.
Bis heute hat die Diskussion um die Pufferzone den Wiederaufbau der dringend benötigten Häuser um viele Monate verzögert. Weil es in Küstennähe kein alternatives Land gibt und die Fischer ihre Heimat nicht verlieren wollen, gärt es vor Ort. Zum Beispiel bei den Fischern von Keechankuppan. „Wo sollen wir unsere Boote, unsere Motoren, unsere Netze lagern, wenn wir ins Landesinnere umgesiedelt werden?”, fragt Aruna Sridhar.
Enormer Erwartungsdruck
Eine Umsiedlung fürchtet der Chef des Dorfrates mehr als einen zweiten Tsunami, obwohl er durch die Wellen zwei Kinder verloren hat. „Das Meer kann uns das Leben nehmen. Verlieren wir aber den Strand, dann verlieren wir unsere gesamte Existenz.” Insofern kommt der politischen Auseinandersetzung um die künftige Nutzung des Küstenstreifens immense Bedeutung zu. Dieser Debatte können sich die Hilfsorganisationen nicht entziehen, auch wenn dies Zeit kostet.
Keine Frage, die Helfer stehen unter einem enormen Erwartungsdruck. Spender und Medien wollen Erfolge sehen. „Wenn wir die Dinge forcieren und uns der Tyrannei des Handels unterwerfen”, warnt Kathleen Carvero vom UN-Koordinationsbüro für humanitäre Angelegenheiten, könnte uns das auf lange Sicht zurückwerfen.” Denn wer schnell Häuser an der falschen Stelle baut, der mag medial punkten, hilft den Opfern des Tsunamis aber auf lange Sicht nicht.
© Rheinischer Merkur Nr. 50, 15.12.2005
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